Autor

Bücher/Texte

Projekte

Angebote

Aktuell




2000: Hart.Heim. Suchung. Ein vermessenes Traumstück.

Kleinkunst

ein vermessenes Traumstück von Rudolf Habringer – Thomas Hinterberger – Walter Kohl.
Theater von und mit behinderten und nichtbehinderten Menschen für behinderte und nichtbehinderte Menschen.

Alles muß an seinem Platz sein, glaubt die ordnungszwangsneurotische alte Frau. Aber dann platzt die Ordnung auf, etwas quillt heraus, was nicht heraus soll. Ein Königsmord, eine durchgedrehte Arztvisite, ein polternder Bürgermeister, eine Herzblatt-Show – kurz: Ein wüster Albtraum. Und zugleich ein Ausblick darauf, wie alles anders sein könnte, bzw. hätte sein können.
Premiere war am Freitag, 25. Februar 2000 im Institut Hartheim / Alkoven

Weitere Aufführungen waren  u.a. in Stadl-Paura, Hallein und am Landestheater Linz.

HART. HEIM . SUCHUNG ist ein vermessenes Traumstück. Es entstand aus der schwierigen  Kombination der Vergangenheit des Schlosses Hartheim auf der einen Seite und dem aktuellen Modell der Therapie des Institutes Hartheim auf der anderen Seite: Regisseur Thomas Hinterberger hat nach Texten von Walter Kohl und Rudolf Habringer mit den Protagonisten verschiedene Traumsequenzen erarbeitet. Unverfälschte Begegnungen mit behinderten Menschen, mit ihren Sehnsüchten, mit ihrer Realität, ihrer Lust, ihrem Unbehagen, ihrem Zorn … dies alles spiegelt sich in diesem Stück wieder.

In drei Phasen ging das Team an die Arbeit: „Wir begannen mit basistheatralischen Arbeiten. Da loteten wir aus, was überhaupt möglich ist und wie wir die Akteure unterstützen können, damit sie uns ihre Träume, Ängste, Erfahrungen erzählen.“

Für diese Produktion erhielt das Team 2000 den Grün-Preis der oberösterreichischen Grünen. Regisseur Thomas Hinterberger erhielt 2004 u.a. für diese Produktion den Bühnenpreis des Landes Oberösterreich.

(Aus dem Programmheft)

Über die Enstehungsgeschichte dieses Projekts

Alles begann 1996.

Die Autoren Rudolf Habringer und Walter Kohl planten für das Festival der Regionen ein Theaterprojekt mit behinderten Menschen des Institutes Hartheim. Wenig später stieß Thomas Hinterberger  als Regisseur zum Team dazu.

Am Anfang stand nichts außer der Vorsatz, unsere Schauspieler vom Institut nicht bloßzustellen, ihnen und ihrem Leben Raum zu lassen und mit ihnen gemeinsam ein Stück zu erfinden.

Die Arbeit war mühsam. In der uns gewohnten Weise schneller Ergebnisse und der raschen Realisierung von Zielen funktionierte gar nichts.

Wir mußten lernen, Balance zu halten zwischen unserem Bestreben, ein Stück zu entwickeln, ohne die Schauspieler dabei zu überfordern. Der Indikator für das richtige Maß an Forderung war, daß sie weiterhin zu den Proben kamen.

Im Frühjahr erweiterten wir die Anzahl der behinderten SchauspielerInnen. Einige aus der Gruppe verließen das Projekt, neue kamen hinzu. Schlußendlich waren es dann 13.

Der Frühling zog ins Land und damit auch die Liebe. Die ersten beiden Szenen entstanden – Herzblatt und Hochzeit – das waren von Anfang an die Lieblingsszenen.

Langsam nahm die Dramaturgie des Stückes Gestalt an.

LESEPROBE

Hart. Heim. Suchung.

(Aus einer frühen Fassung zum Stück)

Dunkel. Der Musiker tritt auf, spielt und setzt sich an den Bühnenrand.

1.     Szene. Die Frau

Die Frau tritt auf. Sie reißt Löcher in die Ordnung ihres Lebens.

Die Frau:

Alles an sein Platz. Muß sein.

Was sein Platz hat, hat sein Maß.

Was sein Maß hat, hat sein Ordnung.

Ordnung – muß – sein.

Leben ist nur als geordnetes Leben ein Leben.

Ist kein Sein ohne die Gewährleistung einer sicheren Vollstreckung.

Ein anderes als ein solches kann nicht zugemutet werden.

Hören Sie?

Nachts kommen sie mich besuchen.

Sie schlüpfen aus meinem Hirn. Aus meinem Bauch. Kriechen über meinen Kopf.

Sie berühren mein Haar.

Ich fühle ihren Atem. Ich rieche ihre Haut.

Wie sie über den Boden schlurfen.

Ihre Stimmen. Hören Sie? Sie rufen nach mir.

Sie gehören zu mir. Im Traum sind wir uns nahe.

Im Hintergrund wird der Eingang zu ihren Träumen sichtbar.

Die Traumfiguren treten auf, mit Masken. Die Frau nimmt ihnen die Masken ab.

LUDWIG: Ich bin Ludwig.

DIE FRAU: Du bist der König.

Ludwig fährt an die Rampe. Schließlich stehen alle Traumfiguren auf der Bühne. Die Frau legt sich schlafen, um zu träumen.

REZENSION

Viel proben und dann im Rampenlicht stehen. Ungewöhnliches Theaterprojekt mit behinderten Menschen feiert Premiere

Sie treffen sich mehrmals wöchentlich, schlüpfen in ihre Rollen und sind großteils mit Begeisterung dabei: im Institut Hartheim bereiten sich behinderte und nicht-behinderte Menschen auf die baldige Theater-Premiere vor.

Am 25. Februar ist es soweit: was vor eineinhalb Jahren als Projekt begann und Szene für Szene in Workshops entstand, wird nun der Öffentlichkeit in einem Guss präsentiert und nennt sich „Hart.Heim.Suchung. Ein vermessenes Traumstück“. 13 behinderte Schauspieler/innen und zwei Schauspielerinnen als Gäste haben unter der Regie von Thomas Hinterberger ein Stück auf die Beine gestellt, dass zum einen Alltagserfahrungen, Träume und Ängste behinderter Menschen auf die Bühne bringt. In den Monologen einer „alten Frau“ wird aber auch die NS-Vergangenheit des Schlosses Hartheim als Vernichtungsstätte sogenannten „unwerten Lebens“ ins Stück hereingeholt.

330 Personen gehen zur Zeit im Institut Hartheim ein und aus: Menschen mit Behinderungen leben und/oder arbeiten dort, betätigen sich in ihrer Freizeit je nach Lust und Laune kreativ. Als eine Form der Freizeitgestaltung versteht man hier auch das Theaterspielen, das bei vielen das Selbstwertgefühl – besonders bei einer gelungenen Aufführung – steigern kann. Franz Mayer ist 30 Jahre alt und spielt im Stück gleich mehrere Rollen. Neben dem Königsmörder, Arzt und Bürgermeister mimt Franz auch die Braut. All das ist „nicht anstrengend, weil das merke ich mir leicht.“ Franz möchte, dass „… die Leute sehen, was wir alles spielen. Mir gefällt das, dass ich was lerne und dass mich die Nachbarn spielen sehen.“ Auch Elisabeth Brandstätter muss sich mehrere Rollen merken, aufgeregt ist sie dabei nicht, wie sie sagt. Beide wünschen sich, dass das Theaterprojekt eine Fortsetzung findet. Christine Wiesinger findet das viele Proben zwar mühsam, macht es aber gerne, obwohl „ … es wieder genug ist mit dem Theater. Ich möchte wieder etwas anderes machen“, meint die behinderte Schauspielerin. Alle Schauspieler/innen sind auf der Bühne sehr gefordert, denn sie treten nicht nur als Statisten auf, sondern haben zum Teil tragende Rollen.

Auch der Amateur-Schauspielerin Anita Koplinger aus Alberndorf – sie ist erst seit Dezember bei den Proben dabei – verlangt dieses Stück einiges ab. „Ich habe hauptsächlich Monologe zu sprechen, bei denen viele Satzteile aneinander gereiht sind, die nicht zusammenhängen … Die Zusammenarbeit mit Behinderten ist für mich ganz neu. Man darf keine Angst vor Nähe haben … für den Regisseur ist das Proben aber oft ein Geduldsspiel. Denn wenn einer Hunger kriegt, dann geht er halt essen“, erzählt Anita Koplinger, der man ansieht, dass ihr das Proben Spass macht. Regisseur Thomas Hinterberger ist mit viel Idealismus und Engagement bei der Sache, nur die Hälfte dessen, was das Projekt kostet, wird von der öffentlichen Hand auch bezahlt. Für ihn ist das Theaterprojekt im Institut Hartheim ein Kunstprojekt wie jedes andere, nur braucht es halt länger Zeit.

Hart.Heim.Suchung.: textlich bearbeitet von Rudolf Habringer und Walter Kohl, Premiere: 25. 2. 2000, 19.30 Uhr. Weitere Termine:

Linzer Kirchenzeitung, Elisabeth Leitner 25. 2. 2000