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2001: Herbert der Letzte

Kleinkunst

Theater Phönix Linz, von Rudolf Habringer

Herbert König        Helmut Fröhlich
Milena                     Brigitte Soucek
Regie                       Günther Treptow
Ausstattung            Eva Sobieszek
Lichtgestaltung      Peter Stangl
Dramaturgie          Silke Dörner

Ohne weggegangen zu sein, ist man schon nicht mehr da. (Nicolai Gogól)

Herbert König, ehemals Vermesser, wird beruflich degradiert und arbeitet seitdem in der Kopierstelle im Kellerbüro des Magistrats. Vormittags Akten kopieren, nachmittags Unterlagen vernichten am Reißwolf. Er hat übliches Mobbing und täglichen Konkurrenzkampf nicht heil überstanden. Unterste Sprosse der Karriereleiter. „Ausgespuckt“ und gedemütigt versucht Herbert, seinen letzten Kampf für ein neues „besseres“ Leben aufzunehmen. Allein mit seinem Hund, bei der Arbeit in seinem Kellerraum, hängt Herbert seinen Erinnerungen, Träumen und Phantasien nach. Einmal in „WETTEN, DASS…?“ auftreten und berühmt werden, einmal die Aufmerksamkeit der hübschen Büropraktikantin Milena auf sich ziehen, einmal seinem Vorgesetzten zeigen, zu was er, Herbert, wirklich fähig ist. Doch die Realität holt ihn schneller ein als erwartet…

Rudolf Habringer hat dem Phönix-Schauspieler Helmut Fröhlich ein Stück auf den Leib geschrieben über ein Leben zwischen Macht und Ohnmacht, Liebe und Haß, Traum und Wirklichkeit: „Mich interessieren Machtverhältnisse, Ohnmacht im Gegensatz zur Macht. Mich interessiert die Perspektive von unten, aus der Sicht desjenigen, der ohnmächtig ist, und mit welchen Mitteln auf diese Ohnmacht reagiert wird. Das muß ja nicht nur ein sich Fügen in diese Ohnmacht sein, es kann auch zum Gegenschlag kommen… Herbert macht sich zumindest ein Stück weit frei. Wir wissen jedoch nicht, wohin diese Freiheit führt. Jede Revolte hat einen offenen Ausgang.“

„In einem gewissen Sinne halte ich mich für einen realistischen Autor. Ich versuche mich schreibend und scheiternd als Feldforscher in der Wissenschaft vom Menschen, erzähle von Menschen, ihren Träumen, ihren Wünschen, ihren Abgründen und Widersprüchen. Ich vermesse die Differenz zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte.“

(Rudolf Habringer)

LESEPROBE

HERBERT DER LETZTE, FASSUNG 17. September 2001

Personen

HERBERT König, Archivarbeiter am Magistrat, ehemals Vermesser

Herbert nimmt Papier aus den Akten, stapelt leere Aktenordner übereinander, legt Papier in den Reißwolf, trinkt viel Wasser, verwendet große Sorgfalt beim Aufsetzen des Glases, wäscht sich die Hände, streift häufig seine Schuhe am Fußabstreifer ab, kämmt sich wiederholt die Haare, macht vorher stets den Kamm naß, kontrolliert seine Kleidung oft nach Haaren. Vermißt den Kellerraum mit einem Vermessungsrad.

MILENA, Büropraktikantin

HARTNIGLER, Herberts Hund, benannt nach Herberts Vorgesetzten

Im Keller des Magistratsgebäudes. Der Raum wirkt durch alle Szenen hindurch ident, verändert sich aber bezüglich seiner Größe, wirkt einmal überdimensional groß, dann wieder wie ein winziges Loch.

Im Archiv. Herberts Arbeitsraum. Kopiergeräte, Reißwölfe, Aktenstapel, Regale, Altpapier. Große Unordnung. Eine Waschgelegenheit.

EINS

HERBERT fährt mit dem Vermessungsrad durch den Keller.

Einmal am Tag alles vermessen

sicher

ich war der Vermesser, früher

einmal am Tag fahre ich aus

und vermesse wie ich es früher getan

er mißt

sieben Meter sechzig die Breite

Ich war ja berühmt für mein Auge

Ich sehe einen Baum am Horizont

peile ihn an und mache eine Schätzung

dann vermessen wir

und meine Schätzung kommt auf zwei, drei Meter hin

der Herbert hat ein unglaubliches Auge

hat der Geometer Sendelsburner immer gesagt

er mißt

vier Meter fünfzig die Tiefe

Er notiert auf einer Liste an der Wand.

Einen Tag vermesse ich und der Raum ist größer

den anderen Tag vermesse ich und er ist kleiner

die Erde ist ein Tier

die Erde hat ein grünes Fell

sie atmet und hechelt

sie dehnt sich aus, streckt sich

sie schrumpft

seit dem Beben klafft ein schmaler Riß

die Erde hat ein großes Maul

halt still, sag ich zur Erde

ich bin der Vermesser

wenn du nicht still hältst

ist alles Vermessen umsonst

im Kopf fahre ich wie früher mit dem Rad übers Land

ich vermesse die Hügel und Wiesen

ich laufe die Straßen und Wege ab

ich vermesse die Flußläufe und die Kirchturmspitzen

ich vermesse Eure Häuser und Dachrinnen

die Alleen und die Kinderspielplätze

die Erde ist ein Pferd

sie hat mich abgeworfen

sie haben mich in den Käfig gesperrt

ein Meter ist ein Maß

du kannst dich anhalten

Gut, daß es Konstanten gibt

wenn sich doch alles ändert

Ich liebe das Stabile

im Sommer habe ich oft draußen geschlafen

im nassen Gras

die Blätter rauschen

da knackst ein Ast

der Mond ist ein gelber Fußball über dem Gebirge

ich habe die Berge vermessen und den Neusiedlersee

ich war berühmt für mein Auge

das war einmal

die Erde schrumpft, dann dehnt sie sich wieder aus

Sie müssen mir nichts glauben

manchmal glaube ich mir selber nicht

manchmal traue ich den eigenen Messungen nicht

die Erde hat gebebt

der Staub hat sich wieder gelegt

schön, wenn die Akten schlafen

geduldiges Papier

sicher

angenehm, wenn Ruhe herrscht

hören Sie, wie still es ist

ich lausche gern

er redet mit Hartnigler, seinem Hund, der draußen im Vorraum liegt

Hartnigler, hörst du

guter Hund

guter Hund, du liegst so stille

ich höre die Wände atmen

ich höre, wie das Wasser in den Rohren rauscht

ich höre sie lachen in den Büros

ich höre ihre Kaffeetassen klirren

ich höre die Handys klingeln

ich höre die Stimmen der Chefs

das Klappern der Laptops

das Klicken der Aktenkofferschlösser

über mir verkehren die Parteien

auf mir lastet das Gewicht der Amtsgeschäfte

ober mir ein Bienenkorb

ober mir der Magistrat

frißt Papier, verdaut es

spuckt es wieder aus

hier herunten Enddarm, Endstation

ich lege Menschenleben ab

archivieren, registrieren, katalogisieren, kopieren

der Rest kommt in den Reißwolf

der Kreislauf des Lebens

von der Wiege bis zum Tod

sicher

REZENSION

„…blendende Ausstattung und eindringliche Darstellung…
Für Helmut Fröhlich eine Art Lebensrolle, die er in allen Facetten von der skurrilen Pedanterie und sehnsuchtsvollem Anhimmeln über Duckmäusertum und Voyeurismus bis hin zum Fußballfan-Aberwitz zur durchaus bedrohlichen Verzweiflung prachtvoll ausfüllt. Objekt seines Lechzens und seiner Träume: Brigitte Soucek als Büropraktikantin Milena; natürliche Anmut, ironisch-schmachtende Verführerin, letztlich angeekelt und pragmatisch.

In den kleinen Phönix-Saal hat Eva Sobieszek einen exzellenten Bühnenraum gebaut: muffige Vorhölle der Bürokratie, in Peter Stangls Lichtdesign aber auch in kleine magische Trauminseln verwandelbar. Das Premierenpublikum reagierte mit großer Begeisterung. “ OÖN

„Herbert der Letzte“ nennt der Waldinger Autor Rudolf Habringer sein Stück, das er für das Theater Phönix und dessen Gründungsmitglied Helmut Fröhlich entwickelt hat. Und der letzte im Getriebe ist dieser Herbert tatsächlich in Zeiten einer neoliberalen Leistungsgesellschaft, in der primär die Devise der Gewinnmaximierung zählt.  (…) Rudolf Habringer hat jedoch darauf verzichtet, seinen Herbert nur eindimensional als Opfer zu entwerfen: Helmut Fröhlich zeichnet ihn punktgenau in seinen schon in der Kindheit determinierten seelischen Defiziten: nach außen hin mausgrau, unauffällig, im Inneren jedoch schwelt’s. Habringer und dem Phönix-Team ist … ein dichter und praxisnaher Ausschnitt gesellschaftlicher Bedingungen und Befindlichkeiten gelungen.“ Neues Volksblatt