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2004: Linzer Torte. Farcekantate

Kleinkunst

Uraufführung Theater Phönix Linz (Studio), 2.11.2004: 19.30 Uhr

6 and the city

Ein Dramensampler zu und über Linz

von Margret Kreidl, Gerlinde Obermeir, Elisabeth Vera Rathenböck,
Rudolf Habringer, Andreas Jungwirth, Volker Schmidt  Regie: Stefan Höld

6 URAUFFÜHRUNGEN ZU UND ÜBER EINE CITY NAMENS LINZ

Die Eröffnungsproduktion der neuen Studiobühne zeigt die Stadt aus der individuellen Sicht von 6 Gegenwartsautoren. Sie haben die unterschiedlichsten Aspekte der Erlebnis-, Kultur-, Bürger-, Arbeiter-, Führer- und Provinzstadt Linz aufgegriffen und zu jeweils 15-minütigen Shortcuts verarbeitet. Entstanden ist eine sowohl inhaltlich wie auch formal breitgefächerte „Linz-Anthologie“, die sich vom AEC zum Harter Plateau, vom Schwulenstrich zur Familienfeier, von der Linzer Torte zum Voeststahl, von der Sprechoper zum Volksstück spannt – poetisch, kritisch, satirisch, witzig, surreal.

Track 5 – Linzer Torte. Farcekantate von Rudolf Habringer

Rudolf Habringer hat Gerhard Fritschs Österreichmetapher des Punschkrapferls – außen zuckrig rosa, innen braun aus alkoholgetränkten Resten – für Linzer Verhältnisse adaptiert. Die liebliche Linzer Torte steht in seiner ansonsten deftigen Sprechoperette für bornierte Weltsicht und ungeliebte Altlasten, die in picksüßer traditioneller Form an die nächste Generation weitergegeben werden. „Glücklich is(s)t, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist“, lautet der Wahlspruch des Tortenfabrikanten Tobner, dessen Beförderung zum Kommerzialrat kurz bevor steht. Die Freude darüber ist allerdings nicht ungetrübt: Zunächst muss noch ein unschönes Stückchen Vergangenheit in der Familiengeschichte ein für alle Mal „bewältigt“ werden. Also versammelt sich die ganze Sippschaft, inklusive Sohn und seiner aus Schiedlberg „zuagroasten“ Freundin, um dieses Relikt aus der Welt zu schaffen.

LESEPROBE

Ort der Handlung: Linz, in Tobners Wohnhaus; alles ist auf die Linzer Torte ausgerichtet

Zeit: Anfang des 21. Jahrhunderts

5. Alles hat eine Grenze. Linz auch.

Robert bespricht Rebecca. An der Wand hängt eine Karte von Linz. Sie hat die Form einer Linzer Torte.

ROBERT

Ich bin ja in Linz geboren

Alle in unserer Familie wurden in Linz geboren

Alles Linzer, ausnahmslos

seit Generationen

REBECCA

Ihre Frau ist doch aus Leonding?

ROBERT

Wie?

REBECCA

Ihre Frau ist doch aus Leonding

Stimmt doch, oder?

ROBERT

Bei uns heißt das Leonding

hat es schon immer geheißen

Leonding, verstehst Du

hörst du den Unterschied

Leonding

REBECCA

Ihre Frau stammt aber doch aus Leonding, oder?

ROBERT

Das ist etwas anderes

Leonding ist eine Vorstadt von Linz, schon immer gewesen

während du, du bist doch aus

aus Dings bist du doch

REBECCA

Schiedlberg

ROBERT

Richtig, Schiedlberg

aus Schiedlberg kommst Du

Schiedlberg ist nicht Linz

selbst wenn du einmal nach Linz kämest

selbst wenn du einmal eine richtige Tobner werden solltest

wärest du deswegen noch lange keine Linzerin

jedenfalls keine lupenreine

REBECCA

ich wohne ja in Linz, schon seit vier Jahren

ROBERT

Du bist bestenfalls eine Zuagroaste

Der echte Linzer ist in Linz geboren

Alle anderen Linzer sind genau genommen keine echten, sondern zugezogene, zuagroaste oder ausländische Linzer

Die Sprache macht den Unterschied

REBECCA

Die Sprache?

ROBERT

Es kommt immer darauf an, wie und was und wann und wo

ein Schiedlberger kann kein Linzer sein

das wäre völliger Unsinn

ein Schiedlberger kann höchstens ein zuagroaster Linzer sein

sozusagen ein schiedlberger Linzer

das schon

so wie ein türkischer Linzer

oder ein serbischer Linzer

oder wie es den schwarzafrikanischen oder den tschechischen Linzer gibt

das sind aber eingewanderte Linzer

allerdings keine einheimischen

Es gibt zum Beispiel den echten einheimischen Linzer

den zwar einheimischen, aber zuagroasten Linzer

den ehemals ausländischen inländischen Linzer

sowie den zu hundert Prozent ausländischen Linzer

REBECCA

Ihre Frau ist aber aus Leonding

dann kann sie doch auch keine echte Linzerin sein

ROBERT

Meine Frau ist eine echte Zuagroaste

und so gesehen keine echte Linzerin

leider

das schmerzt

da muß ich dir recht geben

REZENSION

Die alte Dame Linz mag man eben

Vergnügliche und kurzweilige Uraufführung von „6 and the City“ am Dienstag im Linzer Theater Phönix. Die Hauptperson ist eine in die Jahre gekommene Dame, die schon viel erlebt und noch Vieles vor sich hat: die Stadt Linz. (…) Die vier Bühnenakteure erweisen sich als höchst komödiantisches und wandelbares Quartett. Das Bühnenpaar Ingrid Höller und Helmut Fröhlich ist in seiner professionellen Vollblutkomödiantik einfach umwerfend. Neu im Ensemble und wahrlich erfreulicher Zugewinn für das Phönix-Darstellerteam sind Matthias Hack und Margot Binder. (…) Die Autorenschaft hat die vielen Gesichter und Etiketten von Linz zu Papier gebracht: die Erlebnis-, Arbeiter-, Einkaufs-, Führer-, Neue Medien,-und Kulturstadt. Entstanden ist eine literarisch und inhaltlich naturgemäß unterschiedliche Linz-Typologie in vielschichtigen Bildern und Szenen, umgesetzt wie eine kabarettistische Nummern-Revue. (…)Rudolf Habringer sinniert via einer Tortenbäckerdynastie über echte Linzer und „Zugroaste“ in seiner Farcekantate „Linzer Torte“. (…)Ein unterhaltsamer Abend über die alte Dame Linz, der in dieser eineinhalb Stunden dauernden Produktion neben der Satire auch viel Liebe entgegengebracht wird. Silvia Nagl, OÖN, 4.11.2004

„6 and the City“ als sehenswerter Kosmos im Theater Phönix
Theatralische Linz-Anthologie

Wunderbar! Es gibt wieder eine (künstlerische) Auseinandersetzung mit dieser (Landeshaupt-)Stadt – und sie findet ab sofort im Linzer Theater Phönix statt. „6 and the city“ vereint sechs Autoren und Autorinnen und ihre urbanen Minidramen zu einem höchst lebendingen, anschauenswerten, unterhaltsamen Sitten-Kosmos über diese „Kulturführerstahlhauptstadt“. (…)Somit ist diese Premiere in zweifacher Hinsicht mehr als geglückt. Die AutorInnen haben so etwas wie eine theatralische Linz-Anthologie komponiert, in der vieles Platz hat: Margret Kreidls rapartige Sprachoper, Elisabeth Vera Rathenböcks theatralische Belangsendung, Volker Schmidts Blick in die Zukunft (oder ist es einer in die Vergangenheit?), Andreas Jungwirths Volksgarten-Kosmos, Rudolf Habringers Linzer Torten-Altlast und schließlich die tagebuchartigen Texte der verstorbenen Linzer Autorin Gerlinde Obermeir: über 20 Jahre jung. Alle sechs leiden sie ein bisschen an dieser Stadt, können aber auch nicht von ihr lassen. (…)Wunderbar das Ensemble: Margot Binder, Helmut Fröhlich, Ingrid Höller und Matthias Hack schaffen die flotten Perspektiven-Wechsel voller Dynamik und mit ansteckender Spielfreude. Steffen Hölds Regie geleitet umsichtig und detailreich durch die Klippen des Dramen-Samplers. Witzig die Ausstattung von Michaela Mandl, bröckelnde Kulturhautpstadt-Lettern inklusive… Milli Hornegger, Krone, 4.11.2004