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2011: Der Don Quijote vom Bindermichl

Kleinkunst Theater

Satire von Rudolf Habringer und Joachim Rathke, UA TheaterSPECTACEL Wilhering Juli 2011

Kurzbeschreibung

Ferdinand Hierländer lebt in einem Altersheim und hat Angst: Vor dem Untergang des Schnitzels und des Almdudlers, vor der Vermehrung der Verbrechen und dem Verschwinden des christlichen Glaubens.

Ferdinand Hierländer ist Österreicher und liebt Geschichte. Seine Spezialgebiete sind die Türkenkriege, seine Bewunderung gilt dem Prinzen Eugen. Als ihm dieser im Traum erscheint, um ihn zu seinem Nachfolger zu ernennen, bricht er auf, um im Linzer Stadtteil „Bindermichl“ für Recht und Ordnung zu sorgen. Ähnlich wie in der klassischen Vorlage, dem großen Roman von Miguel de Cervantes, kommt es durch die Verwirrtheit des „Ritters von der traurigen Gestalt“ zu einer endlosen Kette von absurden Missverständnissen und handfesten Irritationen.

„Der Don Quijote vom Bindermichl“ ist eine freche Satire rund um die derzeit breit diskutierten Themen von Migration, Angst vor dem Verlust der Identität und vor dem Altwerden.

Rezension

theaterSPECTACEL Wilhering – Das komische Schlachtfeld der Angst

Am Mittwoch zelebrierte das theaterSPECTACEL Wilhering in der Scheune des Stifts die Uraufführung von „Der Don Quijote vom Bindermichl“. Den Autoren Rudolf Habringer/Joachim Rathke ist eine hinreißende Groteske gelungen. Mit viel Witz gepfeffert, schildert sie, wozu Menschen imstande sind, die sich vor Türken sowieso und vor allem Fremden fürchten.

Die Angst ist eine hinterhältige Macht. Sie verwandelt die Friedfertigsten in Bestien. Teuflisch gelenkt, ist mit ihr widerwärtigste Propaganda zu machen. Sie ist das Werkzeug aller, denen es an Argumenten mangelt.

Ferdinand Hierländer ist ein Jedermann der Ängste – und der Linzer Stadtteil Bindermichl breitet sich überall aus. Abgetakelt, schrullig geworden, in eine Hure vernarrt, aber untauglich, die eigene Tochter Viktoria (sie verschenkt sich obendrein an einen „Kanaken“) zu lieben, sieht Hierländer die Tage im Altersheim verstreichen. Täglich begegnet ihm das Ausländische, das er fürchtet wie die Pest. In allem Fremden suchen ihn eigene Ängste heim. Mit Leserbriefen will er die Urheber allen Übels aus der Welt schreiben. „Der Döner bricht der Bratwurst das Genick! Der Big-Mac legt das Fleischlaberl in Ketten! Auf dem Schlachtfeld der Ernährung stehen die Frankfurter kurz vor dem Suizid!“ – so lauten seine Parolen. In einer Vision erscheint ihm Prinz Eugen, der einst die Türken vor Wien verscheucht hat. Eugen befiehlt Hierländer, das neue Heer anzuführen und die Eindringlinge in die Flucht zu schlagen.

Hierländer ist rasch als Narr entlarvt, aber die Angst vor dem Unbekannten, vor Moschee samt Minarett, ist schon überall eingesickert: beim Wirten, beim Polizisten, beim Chor der selbsternannten Einheimischen. Nur der Pfarrer predigt vergeblich das Miteinander – und Hierländer sucht sich ausgerechnet den türkischen Gemüsehändler Cem als Verbündeten gegen das „Mamelucken-Pack“.

Die Autoren Rudolf Habringer und Joachim Rathke (auch Regie!) nehmen die Ängste alter Menschen und schon immer Dagewesener ernst. Daraus haben sie etwas Köstliches, etwas sinnreich Komisches gebaut. Eine Groteske, bei der jeder sein Fett abbekommt, getragen von ironischer Leichtigkeit.

Günter Rainer taucht in Ferdinand Hierländer wie in einer Paraderolle ab. Die tragisch-komische Gestalt – ihr Wechselspiel von pathetischer Ansprache und inneren Monologen, von aufbrausender Kampflust und schmerzhafter Einsamkeit – ist kaum besser darzustellen. Ljubisa Lupo Grujcic ist ein grandioser Cem. Er brilliert mit Sprache und der nachspürbaren Zerrissenheit eines Fremden, der sich integrieren, aber nicht missbrauchen lassen möchte. Klaus Köhler demonstriert eindrucksvoll, dass schauspielerische Klasse nichts mit der Größe einer Rolle zu tun hat. Sein Prinz Eugen ist herrlich distinguiert.

Die Ausländerin, die jeder mag

Gunda Schanderer gestaltet die Verzweiflung von Hierländers Tochter bedrückend nahe, ist aber mitunter zu rasch auf der Palme. Matthias Schlossgangl ist ein authentischer Diener (Hierländers Betreuer) und ein plausibler Geliebter (von Viktoria). Fein als guter Mensch und Pfarrer: Peter Woy. In der Rolle der sensiblen, aber geerdeten Hure Vesna (die einzige Ausländerin, die jeder mag) kommt Nicola Gerbel nie ins Schleudern. Andreas Baumgartner (hauptberuflich Chef des Linzer „Theater des Kindes“) glänzt als Wirt, den der Kampf ums Überleben mit Klischees schüttelt. Und Christian Bauer ist ein Polizist, dem man auch abseits der Bühne jede Amtshandlung abkaufen würde. Außerdem Bravos für die Herrengesangstruppe „D’4“ und das gut eingesetzte Damen-Trio mit Alexandra Lehner, Momo Pesendorfer, Dietburg Wilflingseder. Ausgelassener Applaus.

Peter Grubmüller,OÖN