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Einmal, damals. und Buchegger.

Texte in Anthologien und Zeitschriften

In: Europa erlesen. Oberösterreich. Hg. von Ludwig Laher. Wieser Verlag 2004.

EINMAL,  DAMALS

Welche Jahreszeit? Ende Mai, Anfang Juni.

Was hörst du? Das Kreischen einer Kreissäge, vielleicht das Schlagen einer Axt im Wald, von weit weg. Keine Autos. Und im­mer: Das Zwitschern von Vögeln draußen vor den geöffneten Fen­stern, Schwalben, Spatzen, Meisen.

Immer ist Frühling im Kopf, wenn ich hier stehe, hinter dem Ge­bäude, ich dem ich als Kind zur Volksschule ging. Immer blühen die Sträucher, immer glänzt der rupfige Wiesenboden knallgrün in der warmen Sonne, immer streicht ein leichter Wind über die Kante, von der es steil hinunter geht in das „Waldstadion“, eine Senke, wenige Meter schmal, begrenzt durch einen Streifen Wald auf der anderen Seite: zwei kleine Tore stehen hier auf dem unebenen, von Maulwürfen aufgegrabenen Boden, auf dem wir unsere Fußballschlachten austragen.

Austrugen. Kalt ist es an der Kante, mit hochgeschlagenem Mantelkragen gehst du die rückwärtige Front der Schule entlang, schaust in die ebenerdigen Fenster hinein: Hier war der Raum für die Ausspeisung. Gibt es nicht mehr. Hier die Garderoben. Wurden umgebaut. Von den Fensterrahmen splittert feiner Lack. Du hast sie einmal frisch gestrichen. Dein erster Ferienjob. Lange ist es her.

Es ist warm in der Klasse. Flirrende Nachmittagsluft vor den Fenstern. Sattgrün die Blätter. Letzte Schulstunde für diesen Tag, Lesen. Wohlige Müdigkeit hat sich verbreitet. Lümmelst dich auf die Bank, Augen im Tiefflug über den Zeilen. Jemand liest eine Geschichte aus dem Lesebuch. Stockend, mit leiser Stimme. Weiß nicht mehr, wer. Anna mit den schwarzen Zöpfen. Ewald, der Zeitungsausschnitte von Cassius Clay sammelt und in der Pause gerne boxt. Max, der Zugang zu den Wochenend-Heften seines älteren Bruders verschaffen kann. Karin, die gern den Arm um dich legt, was du nicht magst. Inge, die beim Rechnen endlos lange an der Tafel steht und nichts begreifen will.

Vorne am Katheder sitzt der Herr Direktor. Nach zwei Absätzen unterbricht er, ruft jemanden anderen auf. Er hat schlohweißes Haar, eine feuerrote Gesichtsfarbe und trägt einen violetten Arbeitsmantel.

Du musst fleißig lernen und immer folgen. Du darfst dich nicht wild aufführen, dann kann dir nichts passieren. Wenn du etwas weißt, musst du aufzeigen. Du sollst nicht vorlaut sein. Du sollst dir beim Schönschreiben etwas mehr Mühe geben. Den Dreier in Äußerer Form sollst du bis zum Schulschluss ausbes­sern. Du brauchst ein gutes Zeugnis, wenn du ins Gymnasium ge­hen willst. Im Herbst kommst du nach Linz.

Als du im Wald ein Tiergerippe fandest. Als du von der Fried­hofsmauer auf kleine Ziersträucher heruntersprangst. Als sich die Heiligen Drei Könige zerstritten und der Stern nach Hause gehen wollte. Als es an zwei Tagen hintereinander Brandalarm gab. Als der Ministrant mit der Weihrauchfassglut ein Loch in den teuren Kirchenteppich brannte. Als du dir den alten Zarl im Sarg angeschaut hast. Als du bei einem Bauern Eier aus dem Hüh­nerstall gestohlen und hinter der Scheunenwand zerschossen hast. Wie du dem Christkind auf die Schliche gekommen bist. Wie die Mutter gesagt hast, dass du jetzt schon groß bist. Der Mo­ment des Aufwachens am Morgen nach der Nacht, als sie starb. Der Zorn auf die Lehrerin, die deine Aufsätze nicht heraus­rückte. Wie du nicht durch das Kanalrohr kriechen wolltest. Wie du in der verfallenen Kegelbahn deine erste Zigarette geraucht hast. Wie der Pfarrer während der Silvesteransprache einen Schlaganfall erlitt. Wie du den Kasperl gemacht hast, als die Lehrerin nicht in der Klasse war. Wie die Gendarmen die ver­rückte Resl in das Narrenhaus gebracht haben. Wie sich der Rabensteiner aufgehängt hat. Wie du dich gefürchtet hast, über die Bundesstraße 1 zu gehen. Wie du ins Internat gekommen bist.

Erinnerst du dich? Im Leiterwagen bretterst du die Gemein­destraße zu Tal. Die Fensterscheibe klirrt nach dem Torschuss. Auf dem beheizten Fensterbrett im Gemeindeamt, hinter der Ver­vielfältigungsmaschine, ist dein Zufluchtsplatz. Karl May backt dir die Wangen rot. Du liebst die kerzenbeleuchtete Kirche in der weihnachtlichen Roratezeit. Wenn die Atemluft nichts ist als eine dampfende Wolke. Du jubelst am Tag vor dem Kirtag, wenn die Schießbudenbesitzer ihren Stand aufbauen. Mit klopfen­dem Herzen läufst du den fahrenden Kesselflickern nach, bis du sie aus den Augen verlierst. Du staunst, wenn die Großen im Wirtshaussaal Theater spielen. Du suchst in der Aurach nach rundgeschliffenen Kieseln.

Du stehst hinter der Schule und suchst nach Spuren von gestern. Spitzt die Ohren, hebst den Kopf, als könntest du das Lachen aus den Klassenzimmern im ersten Stock vernehmen. Helle Stim­men, wenn die Kinder nach Unterrichtsschluss in die Garderobe laufen. Dort, wo der große Baum stand, um den ihr in der Pause herumgetollt seid, wurde die Turnhalle gebaut. Das „Waldstadion“ ist völlig verwachsen, verwildert, die Tore ste­hen nicht mehr.

Willi sitzt direkt hinter dir. Er ist noch nicht lange bei euch, muss die Klasse wiederholen. Zu Hause darf er schon mit dem Traktor fahren. Und er hat beim Völkerball den schärfsten Schuss. Mit ihm möchtest du nicht raufen, wenn es nicht unbe­dingt sein muss.

Bis auf das monotone Lesen ist es sehr ruhig. Und ein wenig langweilig. Du bist viel schneller als die, die den Text laut lesen. Schnell weißt du über die Geschichte Bescheid.

Dann raschelt es hinter dir. Willi möchte dir eine Mitteilung machen, kritzelt auf ein Stück Papier. Fragend hebst du den Kopf, schaust nach hinten, siehst nichts, Willi zeigt dir das Blatt. Du kannst nichts erkennen. Ungelenke Zeichen, du weißt nicht, was er meint. Er formt mit den Lippen unhörbar ein Wort. Du hebst die Brauen, du verstehst ihn nicht. Da flüstert er, es ist ein einziges Wort, das die Zeichnung erklärt. Willi sagt: „Bu – Bu – Busen“.

Der Herr Direktor ruft dich auf. Willi lässt die Zeichnung mit einem Ruck in seinem Lesebuch verschwinden. Du weißt nicht, wo du weiterlesen sollst. Irgendwo beginnst du. An der falschen Stelle. Der Direktor unterbricht dich. Du sollst zu ihm hinaus­kommen. Der Weg zum Katheder ist weit. Der Direktor hat gese­hen, dass du nicht aufgepasst hast. Er hat beobachtet, wie Willi mit dir geflüstert, wie du gegrinst hast. Scharf schaut er dich an. Was hat er gesagt, fragt er. Wenn so gefragt wird, wie der Direktor fragt, ist es immer streng gemeint.

Es gibt Dinge, die verboten sind, Worte, die nicht ausgespro­chen, Geheimnisse, die nicht verraten werden dürfen. Es gibt Dinge, die niemanden etwas angehen. Das Versteck im Wald ist geheim. Es gibt ein Indianerehrenwort. Die Seeräuberkarte, die du ihm Garten vergraben hast, ist geheim. Das Doktorspiel geht niemanden etwas an. Max älterer Bruder darf nichts davon erfah­ren, dass ihr seine Sexhefte anschaut. Dass du nachts manchmal weinst, geht niemanden etwas an. Steif stehst du vor dem Direk­tor, verkrampft, den Kopf eingezogen, als erwartetest du Schläge.

Na, was hat er gesagt? Ich habe Zeit, sagt der Direktor.

Wie alle schauen. Sind aus dem Dämmern aufgeschreckt. Kurz vor dem Läuten passiert noch etwas Außergewöhnliches. Wer vor dem Direktor steht, hat etwas ausgefressen. Warum sagt er denn nichts. Zeigt doch sonst immer so eifrig auf. Bekommt bloß eine rote Birne.

Manche sind auch erschrocken. Wenn der Direktor gut aufgelegt ist, ist die Stimmung gut in der Klasse, wenn er sich aber auf­regt, wird sein roter Kopf dunkelrot und er kann dann sehr böse werden. Dem Direktor muss gefolgt werden. Nicht immer ist das möglich. Wer schwätzt, keine Hausaufgaben macht oder beim Ein­maleins drei Fehler macht, muss dableiben. Auch wer in der Pause rauft. Wer Unschamhaftes denkt oder ausspricht, begeht eine Sünde, sagt der Herr Pfarrer. Wer nicht antwortet, wenn er ge­fragt wird, muss dableiben, sagt der Herr Direktor. Wer dablei­ben muss, den bestraft der Vater zu Hause. Warum hast du nicht gefolgt, hat die Mutter gesagt, einmal, das hast du davon. Aber jetzt ist sie tot. Wer seinen Schulkameraden verschergelt, ist ein Feigling und darf nach der Schule verprügelt werden.

Was hat er gesagt, fragt der Direktor. Die Zeit steht still. Die Luft flimmert. Dein Kopf rauscht. Tränen lauern sprungbe­reit. Wenn du nichts sagst, musst du dableiben. Wenn du etwas sagst, bist du ein Verräter. Wenn du nichts sagst, informiert der Direktor den Vater. Wenn du es sagst, bist du ein Schwäch­ling.

Wie lange stehst du vor der Klasse? Eine Kinderewigkeit. Du bist kein Held. Eine Zeitlang hältst du stand, dann sagst du das Wort. Du darfst dich wieder setzen. Willi bekommt eine Ein­tragung ins Klassenbuch. Willi sieht dich nicht an. Du schaust ihn nicht an. Die Scham ist eine dunkelschwarze Wolke. Irgend­wie gehst du nach Hause. Wie dir die anderen nachschauen. Der Vater erfährt nichts. Im Herbst kommst du ins Internat. Du sollst die Wiese vergessen, das Barfusslaufen, den muffigen Ge­ruch der Garderobe, den violetten Mantel, die Seeräuberkarte, das Waldstadion.

Ein kühler, windiger Wintertag, an dem du vor der Schule stehst, schaust, hörst: wie das schrille Läuten der Pausen­glocke nach außen dringt. Zwei Kinder, mit Taschen bepackt, be­obachten dich.

Dort vor der Tür steht ein Mann, der schaut so komisch her. Vielleicht sucht er was. Den habe ich noch nie gesehen. Den kenne ich nicht. Der ist nicht von hier.