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Interview: Netzwerk Memoria

Netzwerk Memoria

„Damit i amoi net afoch vaschwunden bin“. Das Netzwerk Memoria – die Autoren Walter Kohl aus Eidenberg, Andreas Weber aus Linz-Pichling und Rudolf Habringer aus Walding – sammeln erlebte Geschichte, indem sie mit Zeitzeugen reden.

OÖN: Wie definiert sich Netzwerk Memoria?

Habringer: Das vor fünf Jahren gegründete Netzwerk Memoria ist ein Erinnerungsprojekt. Wir sammeln Lebensgeschichten und Erinnerungen, indem wir Menschen befragen. Ein Erinnerungsbuch aus Oberösterreich und eines aus Niederösterreich sind daraus entstanden.
OÖN: Wie viele Leute wurden dafür interviewt?
Kohl: In Oberösterreich waren es an die 300, mit denen wir im Durchschnitt jeweils zwei, drei Stunden geredet haben. Bei zirka 100 von diesen 300 Befragten sind tatsächlich bis zu 700 Seiten Material entstanden!  In Niederösterreich waren es allerdings weniger Gesprächspartner. In beiden Büchern sind dann so an die 150 Personen zu Wort gekommen.
OÖN: Gelangt man dabei nicht an einen Punkt, an dem einen das alles nicht mehr interessiert?
Weber: Nein, mich interessieren Lebensgeschichten immer. Da waren Leute dabei, die sind beim Erzählen in Tränen ausgebrochen – aus allen möglichen Gründen. Oder andere, die ein Ausbund an Lebenslust waren. Denen zuzuhören, wird nie fad.
Kohl: Was mir schon auf die Nerven gegangen ist, war, wenn immer wieder kam: „mein Russlandfeldzug“ oder „der Russe“ oder eine Verklärung der Kriegsjahre. Es ist schon erstaunlich, wie viele dieser Generation es noch immer gibt, die unreflektiert und mit glänzenden Augen vom Krieg erzählen.
OÖN: Hat es einen Schwerpunkt bei den Erzählungen gegeben?
Habringer: Es gab so viele Themen. Das beginnt bei der Zofe der Katharina Schratt, der Geliebten von Kaiser Franz Josef. Über einen beinahe 90-Jährigen, der über den Ersten Weltkrieg erzählt hat, bis hin zu einem Arbeitslosen der 1990er-Jahre. Aber sicher 80 Prozent waren Kriegsereignisse, die erzählt wurden. Die 35-Jährigen lassen noch keine Erinnerungen aus. Das Bedürfnis, über die eigene Geschichte zu reden, kommt offensichtlich erst mit höherem Alter.
Weber: Mich fasziniert, wie viele Leute das Bedürfnis haben, sich mitzuteilen. Scheinbar will doch jeder Mensch irgendetwas Bleibendes hinterlassen. Eine Frau hat gesagt: „Ich mach‘ da mit, damit i‘ amoi net afoch vaschwunden bin.“
Habringer: Solch ein Projekt ist natürlich nur ein Ergänzungsprojekt zur Historikerarbeit. Das ist eben subjektiv erlebte Geschichte. Wie oft haben wir den Satz gehört: „Hören Sie jetzt genau zu, denn das können Sie nicht wissen, weil Sie das nicht selbst erlebt haben!“
Kohl: Bei all den Jubelfestivitäten in diesem Gedenkjahr wird Österreich als soooo gut, gemütlich, schön und großartig dargestellt. Wenn man aber die Menschen fragt, stellt sich heraus, dass die meisten überhaupt keine erfreulichen Geschichten aus der Zeit vor 50, 60 Jahren zu erzählen haben.
OÖN: Gibt es neue Pläne von Netzwerk Memoria?
Kohl: Ja, wir wollen nun im Burgenland solche Gespräche für ein Buchprojekt führen. Die Verkaufszahlen der beiden bisher erschienenen Bücher sind recht gut. Wir haben vor, solche Erinnerungsbände für alle Bundesländer zu machen.
Habringer: Wichtig ist uns aber auch, den Erinnerungsbegriff auszudehnen. Ich beschäftige mich für ein Buchprojekt gerade mit Träumen. Die sind auch eine Form von Erinnerung. Wie weit werden in einem subjektiven Traum kollektive Bilder der Geschichte sichtbar? Es ist unglaublich, wie viele Menschen vom Krieg träumen, ohne je an einem teilgenommen zu haben.
Weber: Und mit südböhmischen Autoren planen wir ein Literaturprojekt: Von welchen Autoren wurde sie geprägt? Welche haben sie gelesen? Ist es so wie bei uns oder doch ganz anders? Auch das ist eine Form von Erinnerung.
OÖ Nachrichten, 21. 5. 2005, Silvia Nagl