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Textprobe

Island Passion

Österreich, 1964

Sie saßen einander seit mehr als einer Stunde gegenüber. Zwei Dreizehnjährige, schweigend über ein Schachbrett gebeugt. Dann entdeckte Richard Behrend die rettende Kombination. Sein Herzschlag beschleunigte sich, sein Puls hämmerte laut an den Schläfen, er zwang sich, seine Aufregung, seine plötzliche Gier durch keine hektische Bewegung, kein heftiges Atmen zu verraten. Er spürte, wie in ihm augenblicklich der Wunsch entflammte, seinen Gegner in die Ecke zu drängen und vollständig zu schlagen. Auszulöschen. Zu vernichten. Es gelang ihm, sich zu sammeln, zu beruhigen. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, schweißnass und kalt fühlten sich auch seine Hände an. Er saß da, spannte die Muskeln, rührte sich nicht und hob den Blick nicht vom Brett. Ruhig bleiben, ruhig atmen. Von außen mochte er kaltblütig und konzentriert wirken. Ein paar Züge später brachte er, geschützt durch den König, seinen Bauern zur Dame. Zollner hatte gar keine andere Möglichkeit, als die eben ins Spiel gekommene Dame mit seinem ihm verbliebenen Turm zu schlagen. Das Spiel hatte die entscheidende Phase erreicht. Richard atmete tief durch, Zollners Turm wurde sofort eine Beute seines weißen Königs. Gerhard Zollner hielt den Kopf in beide Hände gestützt und sah nicht auf, sie hatten einander seit Beginn der Partie kein einziges Mal in die Augen gesehen. Auf der H-Linie standen sich zwei Bauern reglos gegenüber. Sie würden nicht mehr ins Spiel eingreifen. Zollners schwarzer König war jetzt Behrends König und Turm schutzlos ausgeliefert, eine eindeutige Gewinnsituation, die Präfekt Wagner, der ihnen Schachunterricht erteilte, oft mit ihnen geübt hatte.

Im Saal war es lauter geworden, Wagner zischte in den Raum, um Ruhe zu schaffen. Richard nahm wahr, dass ihre Partie die letzte war, die noch gespielt wurde. Um ihren Tisch hatte sich eine Traube von Mitschülern gebildet, die das Spiel aufmerksam beobachten. Zwei aus seiner Mannschaft stießen sich aufmunternd in die Rippen. Behrend sah auf: Präfekt Wagner nickte ihm wohlwollend zu. Sein Blick fiel auf die Uhr, er sah, dass ihm weniger als eine Minute Zeit verblieb, dann würde die Klappe fallen. Zollner hatte nach dem vernichtenden Schlag gegen seinen Turm keine andere Wahl mehr, als mit dem König die Flucht zu ergreifen.

Wichtig war jetzt, ruhig zu bleiben und dennoch rasch zu handeln. Richard merkte, wie seine Knie leicht zu zittern begannen. Die Aufmerksamkeit seiner Mannschaftskameraden war ganz auf ihn und den Ausgang seiner Partie gerichtet. Die anderen lagen einen halben Punkt vorne, nur wenn Richard gewann, konnte er den Sieg für seine Mannschaft sicherstellen. Behrend hörte  sich gleichsam auf sich selber einsprechen. Keine Zeit verlieren! In die Ecke mit ihm! Sie waren Kinder, eine Partie wurde so lange gespielt, bis sie tatsächlich zu Ende war. Zunächst schnitt Richard mit seinem Turm Gerhards König den möglichen Zugang zum verbleibenden Bauern ab. Zollner blieb nur der Rückzug. Abwechselnd mit König und Turm hetzte Richard den Gegner in die Ecke, ohne jede äußere Reaktion zog Zollner seinen König, hastig führten sie ihre Züge aus, die Sekunden verrannen. Richard nahm überdeutlich Geräusche wahr, die er in der Konzentration der Partie ausgeblendet gehabt hatte, er hörte ein Rufen am Gang, das Plätschern der Wasserleitung, weil sich jemand die Hände wusch, das Klappern von Pantoffeln auf dem ausgetretenen Holzboden. Einer der Umstehenden drehte eine Armbanduhr mit einem schnarrenden Laut auf, jemand lachte leise. Ein unterdrücktes Hüsteln, verstohlenes Flüstern. Zollners König floh in die Ecke seines Verderbens, unerbittlich setzte Richard nach.

Plötzlich gab es eine jähe Unterbrechung der gespannten Konzentration am Tisch. Gerhard Zollner blickte auf und schaute Behrend mit hochgezogenen Brauen an. Erst beinahe entsetzt, dann verblüfft, dann freudig überrascht. Die Energie, die sich zwischen ihnen aufgebaut hatte, verpuffte mit einem Schlag. Dann grinste Gerhard breit: Remis, sagte er mit Triumph in der Stimme und streckte Richard die Hand über das Brett entgegen. Ein Aufschrei der Enttäuschung ging durch den Saal, Präfekt Wagner griff sich entsetzt an den Kopf.

Behrend hatte noch nicht begriffen und schaute hinunter aufs Brett, um die Stellung zu analysieren. Irgend etwas hatte er mit seinem Turm falsch gemacht. In einem Moment der Unaufmerksamkeit hatte er nicht bemerkt, dass er dem schwarzen König zwar kein Schach geboten, ihm aber keine Möglichkeit mehr gegeben hatte, sich auch nur um ein Feld zu bewegen. Richard fühlte, wie ihm die Schamröte ins Gesicht stieg. Er hatte den greifbaren Sieg in letzter Sekunde verspielt. Die Menschentraube um ihn herum: eine feindliche Mauer. Dann standen Gerhard und er auf. Erst jetzt gab er seinem Gegner die Hand. Sie fühlte sich kalt an, wie ein Stück vereistes Fleisch. Gerhard zog die Lippen schmal und zuckte mit den Schultern, sagte beinahe entschuldigend: Glück gehabt. Dann drehte er um, ging zu den Seinen und ließ sich feiern. Richard blieb wie betäubt an seinem Platz stehen. Später nahm er die Figuren vom Brett, klappte das Spiel zusammen und begann einzuräumen. Jemand klopfte ihm auf die Schulter: Nur ein Spiel, sagte eine dumme Stimme, die nichts begriff. Behrend spürte, wie Tränen drängten. Weinen durfte er nicht. Er verbiss sich den Schmerz.

Zwei Tage später begannen die Weihnachtsferien.