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Mein Leben ist ein Roman

Kurzbeschreibung

Mein Leben ist ein Roman.  Alltagsgeschichten aus Oberösterreich. (gemeinsam mit Walter Kohl)

Bibliothek der Provinz, 2003

Vorwort der Herausgeber

Liebe Leserin, lieber Leser!

Vor drei Jahren haben wir mit unserem Projekt NETZWERK MEMORIA begonnen.

Angeregt durch die Sammelarbeit des deutschen Schriftstellers Walter Kempowski wollten wir Erinnerungsmaterial des eben vergangenen 20. Jahrhunderts auffinden, sammeln und darstellen. Viele Menschen sind unserem Aufruf gefolgt und haben uns Materialien geschickt: Texte, Fotos, Briefe, Tagebücher, Zeitungsauschnitte, persönliche Dokumente von der einzelnen Urkunde bis zur in Buch gebundenen Autobiograpie. In vielen Gesprächen haben wir erfahren, wie wichtig es für Menschen ist, auf ein loeben zurückzuschauen, sich zu erinnern. Irgendwann einmal ist auch der Satz gefallen: Mein Leben ist ja ein Roman, wenn nur jemand da wäre, der ihn aufschriebe.

NETZWERK MEMORIA ist ein Versuch, nichts zu vergessen. Unser Projekt versteht sich als eine Art Gedächtnisbibliothek des 20. Jahrhunderts. Sie bewahrt Geschichten und Geschichte auf, persönliche Tragik und Leid, Humorvolles und Anekdotenhaftes, Familiengeschichten und Berichte aus dem Berufsleben, Alltägliches und politisch Bedeutsames. NETZWERK MEMORIA versteht sich einerseits als Archiv, in dem Erinnerungen gesammelt werden, andererseits auch als Ausgangspunkt für künstlerische oder wissenschaftliche Arbeit: Mit den Erinnerungen soll etwas geschehen, sie sollen in kreative Arbeiten aller Art einfließen.

Mit dem vorliegenden Band, redigiert von Walter Kohl, liegen nun 80 Ausschnitte aus verschiedenen Lebensromanen vor ihnen. Der Schwerpunkt der Berichte in diesem Buch liegt in Oberösterreich. In den nächsten Jahren sollen Erinnerungen aus anderen Bundesländern folgen.

Obwohl wir bei unserem Aufruf bewußt keine thematische Vorgabe gegeben haben, läßt sich dennoch ein Schwerpunkt ablesen: Der Zweite Weltkrieg, seine Bedingungen und Folgen, war das Ereignis, welches das Leben der damals Beteiligten und das der nachgeborenen Generationen nachhaltig und schmerzlich beeinflußte: Erlebnisse an die Kindheit im Krieg sind darunter, an den Alltag im Nationalsozialismus, Erzählungen von Frauen, Erinnerungen an das Kriegsende, Berichte aus Kriegsgefangenschaft, Besatzungszeit, Vertreibung, Flucht und Wiederaufbau. In einem gleichsam subjektiven Destillat erscheint so skizzenhaft Österreichs Geschichte des 20. Jahrhunderts: Monarchie, Erste Republik, Ständestaat, Nationalsozialismus, Zweite Republik. Ein wahrhaftes Wechselbad an politischen Systemen, das Menschen unseres Landes im vergangenen Jahrhundert erlebten, erlitten und aktiv mittrugen. In der Zusammenschau vieler subjektiver Erfahrungen ergibt sich ein spannendes, natürlich auch fragmentarisches Bild. In jeder persönlichen Erinnerung kommt damit auch eine Facette einer gemeinsamen Erfahrung, das, was wir Geschichte nennen, zum Ausdruck.

Wir sind überzeugt davon, daß  Erinnern ist ein wichtiger Teil unserer Kultur ist, daß Erinnerung eine Form kultureller Praxis ist. Noch bevor der ungarische Autor Imré Kertész 2002 den Nobelpreis für Literatur erhielt, haben wir einen Satz von ihm als Motto über unser Projekt gestellt: „Der einzig gangbare Weg der Befreiung führt durch das Erinnern.“

Wer seine Geschichte nicht kennt, hat keine Zukunft.

Walter Kohl, Rudolf Habringer im Frühjahr 2003

Textprobe

Das Ordnen der Stimmen

Walter Kempowskis „Echolot“ als Modellfall für die Arbeit

mit Erinnerungsmaterial

Das „Echolot“ von Walter Kempowski war ein maßgeblicher Anstoß für den Beginn der Initiative von Netzwerk Memoria. In diesem gewaltigen Werk fügt der Schriftsteller eine Unmenge von Tagebucheintragungen zusammen. Das Konstruktionsprinzip Kempowskis ist ebenso einfach wie effizient: Tag für Tag läßt er hunderte Menschen zu Wort kommen, von Hitlers Leibarzt über prominente Zeitgenossen bis hin zu jenen, die man heutzutage „die kleinen Leute“ nennt. Aus diesem vielzähligen Stimmengewirr ergibt sich ein rundes Bild, aus Geschichten wird Geschichte.

Dieser Zugang Kempowskis hat uns, Rudolf Habringer und Walter Kohl, fasziniert. Wir wollten kein österreichisches „Echolot“ schaffen. Aber die Methode, möglichst viele Stimmen aus möglichst vielen Lebenszusammenhängen zu Wort kommen zu lassen, die haben wir von Kempowski übernommen. Am Beginn unserer gemeinsamen Arbeit haben wir Walter Kempowski in seinem „Haus Kreienhoop“ in Nartum, halbwegs zwischen Hamburg und Bremen gelegen, besucht. In langen Gesprächen hat er uns sein Verständnis vom Geschichten-Erzählen vermittelt. (mehr …)