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Stifter reloaded

Kurzbeschreibung

Stifter reloaded. Ein Dutzend bunter Steine. Styria Verlag Graz Wien Köln, 1992

Adalbert Stifters bunte Steine in komplett neuem Schliff, jedes Mineral aus tschechischer und aus österreichischer Perspektive angeschnitten: In einer etwas anderen Anthologie zum zweihundertsten Geburtstag des österreichischen Schriftstellers nähern sich dreizehn Autorinnen und Autoren auf vielfältigen literarischen Wegen den bekannten Erzählungen und schaffen so eine neue, aktualisierte Sammlung von Preziosen.

Den »Bunten Steinen« Adalbert Stifters verpassen sieben österreichische und sechs tschechische Autorinnen und Autoren einen neuen Schliff: Sie holen die Erzählungen, Figuren, Motive aus der Zeit ihres Entstehens in die Gegenwart und hauchen ihnen neues Leben ein. Die dabei entstandenen Texte sind jeweils konkrete Auseinandersetzungen mit den Erzählungen »Granit«, »Kalkstein«, »Turmalin«, »Bergkristall«, »Katzensilber«, »Bergmilch« sowie der »Vorrede« und darüber hinaus mit Adalbert Stifter selbst, als Autor zwischen historischer Größe der österreichischen Literatur und Heimatdichtung, mit seinen Texten und den gestörten, gebrochenen Idyllen, die sie evozieren – dies- und jenseits der österreichischen Grenze.

Die literarische Form der Beiträge ist dabei vielfältig – die neuen Stifter-Texte sind reloaded, jeder der sechs bunten Steine kommt in zwei neuen Fassungen zum Vorschein, einmal aus österreichischer und einmal aus tschechischer Perspektive.

Mit Texten von: Adelheid Dahimène, Hans Eichhorn, Leopold Federmair, Rudolf Habringer, Walter Kohl, Margit Schreiner, Andreas Weber sowie Vlasta Dusková, Hanka Hosnedlová, Hynek Klimek, Jan Matej Krnínsky, Frantisek Niedl, Antonín Pelísek.

Textprobe

Bergkristall

„Etwa auf der größten Erhöhung (…), wo nach und nach sich der Weg in  das jenseitige Tal hinab zu senken beginnt, steht eine sogenannte Unglückssäule. Es ist einmal ein Bäcker, welcher Brot in seinem Korbe über den Hals trug, an jener Stelle tot gefunden worden.“

Wo ist der Mann mit dem Schäferhund, fragte eine Frau aus der Gegend vor einigen Tagen. Er ist doch dein Nachbar? Sie habe ihn schon lange nicht mehr gesehen. Ich zog den Kopf ein und zögerte, eine Antwort zu geben. Am liebsten hätte ich gelogen. Weg, sagte ich. Schon seit fast einem Jahr. Mehr sagte ich nicht. Dann redeten wir von etwas anderem.

Das ist die Geschichte eines Unglücks. Hier wird keiner gesucht und keiner gerettet, ich wüsste nicht, wie. Der Heilige Abend ist vorbei. Spielen Kinder eine Rolle? Ja. Eines davon hat die Welt nicht gesehen. Vom Gebirge, vom Eis soll keine Rede sein, wir wohnen im Hügelland. Die Berge stehen bei Föhn als gezackte Formation am Horizont. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich die Unglücksstelle erahnen. Den Blick ins Tal durchkreuzt ein mächtiger Nussbaum, durch dessen Geäst ich im Winter, wenn der Baum kein Laub trägt, hindurchsehen kann wie durch ein Spinnenetz. An sonnigen Tagen spiegelt sich weit unten das Wasser der Donau. In einer Schale auf meinem Schreibtisch liegt ein Stein, kleiner als eine Murmel. Der bringt Glück, der baut dich wieder auf, sagte Färber, als er ihn mir schenkte.