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Textprobe

Engel zweiter Ordnung

Normalerweise irrte Seisenbacher sich nicht. Aber an diesem Tag, der sich allmählich zu einem Schiefläufer entwickelte,  musste er ein einmal gefasstes Urteil zurücknehmen.

Er saß hinter seinem Schreibtisch im Büro seiner Privatdetektei, die sich in dem beinahe lichtlosen Innenhof eines Hauses in der Nähe der Linzer Landstraße befand. Ihm gegenüber hockte seit einer halben Stunde ein verzweifelter Bestattungsunternehmer namens Ewald Sendelsburner. Seisenbacher hatte kurz rekapituliert: es war Sendelburners dritter Besuch binnen weniger Wochen. Der Fall Sendelsburner hatte sich ungünstig auf  Seisenbachers Firma auswirkt; energetisch gesehen hatte Sendelsburner ein mieses Karma in das Büro eingebracht, nach Feng Shui ein schlechtes Qui. Der Typ sitzt da und saugt mir die Energie aus dem Schädel, dachte Seisenbacher, während Sendelsburner sein drittes Papiertaschentuch hervorzog und laut hinein schnäuzte. Die zwei gebrauchten Taschentücher lagen zerknüllt vor ihm auf der Schreibtischkante wie Musterstücke, die ein Vertreter zur Probe ausgelegt hatte. Neben den Taschentüchern lag die Parte der verstorbenen Sendelsburnerin, die beim letzten Besuch noch mit von der Partie gewesen war.

Während Sendelsburner sich tränenerstickt in der Endlosschleife seiner Kummererzählung verirrte, hatte Seisenbacher ausführlich Zeit, den frisch verwitweten Bastattungsunternehmer zu begutachten. Kein Zweifel, es lag an den Ohren. Seisenbacher schalt sich innerlich, dass er trotz aller sonstigen Achtsamkeit offenbar zweimal nicht richtig hingesehen hatte. Oder es lag daran, dass Sendelsburner knapp vor dem Begräbnis seiner Frau zum Friseur gegangen war. Das kam sicher vor. Andere kauften sich anlässlich eines Begräbnisses einen dunklen Anzug oder, falls der Todesfall in der kalten Jahreszeit anfiel, einen schwarzen Mantel. Sendelsburner, der aufgrund seines Berufes sicher genug Trauerkleidung im Schrank hängen hatte, ihm diese Kompensationshandlung daher berufsbedingt nicht zur Verfügung stand, war eben zum Friseur gegangen. So musste es gewesen sein. Seisenbacher stellte sich eine junge, gut riechende Friseurin vor, die Kunden beim Haareschneiden absichtlich unabsichtlich mit ihren Brüsten anstreifte und Einsicht in ihre rasierten Achselhöhlen gab. Sendelsburner war also zum Friseur gegangen, um den ersten Trauerschock erotisch abzufedern, hatte dabei aber, wahrscheinlich um die Verweildauer bei der süß und nach Leben riechenden Friseurin so lange wie möglich auszudehnen, offensichtlich kapital über das Ziel geschossen: die Friseurin hatte ihm die Haare, vor allem in der Region um die Ohren herum, vollständig ausgeschnitten und weg rasiert. Wahrscheinlich, phantasierte Seisenbacher, presste die junge Friseurin ihre Brüste gerade beim um die Ohren Herumschneiden an Sendelsburners Oberarme, sodass Sendelsburner gar nicht auf die Idee gekommen war, ihr Schneiden abzustoppen. Seisenbacher wusste, dass es einen Spezialbegriff gab für Leute, die sich durch Anpressen an andere Körper sexuell erregten, ihm fiel der Begriff im Moment nicht ein. Möglicherweise hatten sich in eben der Aktion, bei der die junge, aufreizende Friseurin an Sendelsburner herumzuschneiden und wahrscheinlich auch an seinem Ohr zu manipulieren begann, ein passiver und ein aktiver Anpresser zusammen gefunden, ohne es zu wissen. Frotteur, so hieß das, jetzt fiel es Seisenbacher wieder ein.

Der Effekt des massiven Haarschnitts, der möglicherweise von einer starken sexuellen Erregung beiderseits begleitet worden war, zeigte sich darin, dass Sendelsburners Ohren nun überdeutlich, beinahe provokant von seinem birnenförmigen Schädel abstanden. Viel deutlicher, als Seisenbachers erster Augenschein und seine Kategorisierung beim Erstbesuch damals ergeben hatte. Seisenbacher musste das erste Ohrenurteil, das er vor einem knappen Jahr gefällt hatte, korrigieren und als klassisches Vorurteil zurücknehmen. Eine Tatsache, mit der er sich gleichzeitig natürlich auch ein verheerendes Eigenfeedback gab; schmerzlich gestand er sich den Irrtum ein.

Zuerst ging es immer um die Ohren. Sendelsburner hatte das Büro im Frühjahr ziemlich nervös aufgesucht, weil er glaubte, Anzeichen dafür gefunden zu haben, dass ihn seine Frau Sieglinde, mit der er über fünfzehn Jahre lang verheiratet war, mit einem anderen betrog. Seltsame Telefonate, undefinierbare und nicht mehr rekonstruierbare Aufenthalte in der Stadt, an den Haaren herbeigezogene Abendtermine: das Übliche halt. Aber alles ohne Beweise. Seisenbacher hatte den Fall aufgenommen und nebenbei den Klienten begutachtet, routinemäßig, wie er das mit allen seinen Kunden und im übrigen mit allen Menschen, mit denen er zu tun hatte, tat. Ohren hatte ein jeder, oder beinahe ein jeder, und mehr als neunzig Prozent der Bevölkerung trugen sie auch gut sichtbar an der Seite ihres Kopfes. Seisenbacher erinnerte sich, dass er Sendelsburner damals mit Ohrenklasse 2+ eingestuft hatte. Das war im Prinzip nichts Aufregendes. 1 war normal, 2 leicht abstehend, 3 erheblich und 4 extrem.

Jetzt aber, nachdem Sendelsburner, offenbar eines billigen sexuellen Abenteuers wegen – vielleicht war es ja im Friseurstuhl sogar bis zum Äußersten gekommen: das zu überprüfen war nun nicht mehr möglich – weil Sendelsburner also seinem sexuellen, durch Trauer hervorgerufenen Notstand (das allein war ja wohl mehr als pervers!) so exzessiv nachgegeben hatte, saß er nun mit äußerst unkleidsam kurz geschnittenen Haaren und nackten Ohren vor ihm, die nach Klasse 3, wenn nicht nach Klasse 3+ abzuzustufen, downzugraden hieß das neuerdings, Seisenbacher sich genötigt sah.

So wie Seisenbacher Sendelsburners Ohren betrachtete, unschlüssig zwischen den Kategorien 3 und 3+ hin und her pendelnd, so sehr war auch seine Aufmerksamkeit auf die Erzählung, die Sendelsburner ihm tränenreich und unter Einsatz mehrerer Papiertaschentücher einer Billigmarke, wie Seisenbacher auffiel, darlegte, reichlich getrübt. Spätestens ab Ohrenkategorie 3+ konnte Seisenbacher von erheblichen Bewusstseinstrübungen, ja von einem Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom berichten, das hatte er sich längst eingestehen müssen. Jeder Mensch hatte seine schwachen Stellen, bei Seisenbacher setzte ab Ohrenkategorie 3+ irgendwie jegliches Verständnis aus. O.k., es gab auch innere Werte, man sollte einen Menschen nicht nach dem Äußeren beurteilen. Geschenkt. Pfarrersätze. Die Realität sah aber anders aus, Seisenbacher wusste, wovon er dachte.