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Rainer Calmund fährt Lift. Oder: Wie sich ein Fußballweltmeister unbedingt mit mir fotografieren lassen wollte.

Texte in Anthologien und Zeitschriften

In: 99. Heft Nr. 61/ November 2004: Winterpause. Hg. Von Walter Wippersberg, S. 4-7.

RAINER CALMUND FÄHRT LIFT ODER:

Wie sich ein Fußballweltmeister unbedingt mit mir fotografieren lassen wollte

Reykjavík, im September 2003. Islands Hauptstadt vibriert vor Erwartung. Eigentlich bin ich wegen einer Recherche über einen österreichischen Emigranten, den Musiker und Komponisten Victor Urbancic, nach Island geflogen. Bekanntlich gibt es keine Zufälle im Leben. Zufällig bin ich auch Fußballfan. Zufällig findet in den Tagen meines Aufenthalts das Spiel des Jahres auf der Insel statt. Island empfängt den Vizeweltmeister Deutschland zum Qualifikationsspiel zur Fußballeuropameisterschaft. Das Morgunblaðid, Islands größte Tageszeitung, bringt täglich seitenlange Vorberichte, überall in den Straßen flattern Wimpel in den Landesfarben blau – weiß – rot.

Einen Tag vor dem Spiel gibt der bayrische Sportjournalist Waldemar Hartmann, offenbar in Ermangelung anderer deutscher Prominenz, dem isländischen Fernsehen ein Interview. Der Beitrag läuft in den Abendnachrichten. Wenn die deutsche Mannschaft verliere, „brennt der Baum“, sagt Hartmann ernst, die Deutschen würden die Isländer, deren Spitzenspieler fast alle im Ausland tätig sind, nicht unterschätzen.

Oddný Sverrisdóttir, meine Gastgeberin für die Zeit meiner Recherche, Germanistin an der Universität Reykjavík und seit Jahren liiert mit einem Deutschen, kommt aufgekratzt nach Hause. Sie hat von der deutschen Botschaft für das Goethezentrum, dessen Vorstandsmitglied sie ist, zwei Karten für das Spiel erhalten. Eine wird sie an die deutsche Praktikantin im Goethezentrum weitergeben, eine hat sie ihrem Neffen versprochen. Da Oddný aber von meiner Fußballbegeisterung weiß (schon im Jahr zuvor hatte ich einer Spitzenbegegnung der obersten isländischen Liga vor der Saisonrekordkulisse von 4000 Zuschauern beigewohnt: In der vorletzten Runde vergeigte Fylkir mit einem 1:1 im Stadtderby gegen KR den möglichen Titel; KR gewann schließlich die Meisterschaft), hat sie in freundschaftlicher Fürsorge längst beschlossen:  Eine Karte muss her, dieses Spiel muss auch ich gesehen haben. Das Problem besteht darin, dass das Stadion nur 7000 Zuschauer fasst und das Spiel daher seit Tagen restlos ausverkauft ist. Wir machen uns auf die Suche nach der fehlenden Eintrittskarte und fahren zum Laugardalsvollurstadium. Die Spielplätze sind leer, das Abschlusstraining längst beendet, die Kassen sind geschlossen. Vor dem Stadion steht ein Tross von Übertragungswagen, die ARD ist mit nicht weniger als 90 Leuten nach Island angerückt. Oddný ändert ihre Taktik. Sie weiß, dass die Deutschen im Hotel Nordica logieren. Spätestens als wir dort eintreffen und die Ankunftshalle betreten, regrediere ich zum Fußballfan in pubertärem Alter.

Der dreizehnjährige Fußballanhänger glaubt an Idole, sammelt Autogrammkarten und klebt Fotos und Spielberichte in große Quarthefte. Gerade steigt die U 21 der Deutschen, die in Akranes, der Stadt auf der anderen Seite des Hvalfjordes,  3:1 gewonnen hat, aus dem Bus. Die Spieler, unter ihnen Benjamin Lauth von 1860 München, und die Betreuer Uli Stielecke und Horst Hrubesch spazieren vorbei. Ältere Herren des DFB, Offizielle in Anzügen mit DFB-Emblem, geeichte Fußballdiplomaten, stehen in der Halle und klopfen den Jungen anerkennend auf die Schultern. Dann taucht der Manager von Bayer Leverkusen, Rainer Calmund, auf. Der Sohn eines deutschen Fans, der offenbar auch im Hotel logiert, stürmt auf ihn zu und ergattert ein Autogramm. In uns regt sich der Jagdtrieb, kein Genierer hält uns mehr zurück. Wir gehen auf Calmund zu, Oddný spricht ihn auf Deutsch an. Sie komme von der Uni Reykjavík und brauche dringend eine Entrittskarte für das morgige Spiel. Calmund zeigt sich beeindruckt und bittet Oddný um ihre Visitenkarte. Er werde schauen, was sich machen lässt. Ich lasse alle Zurückhaltung fahren und zücke meinen Fotoapparat, bin jetzt ganz Fan und Tourist, der Rechercheur kann warten. Gentlemanlike rückt Calmund, seine vielbeschriebene Körperfülle ist tatsächlich erstaunlich, an Oddný heran, ich habe meinen Schnappschuss im Gerät. Dann entschwindet Calmund mit dem Lift nach oben, Oddnýs Visitenkarte an sich gedrückt. Wir setzen uns in die Lounge und warten. Ein junger Herr der Security, braun gebrannt und in feinem Tuch, schlendert auffällig unauffällig durch den Eingangsbereich und mustert uns scharf. Wir mimen wartende Hotelgäste und schauen sozusagen Hotel TV. Weil so gut wie nichts passiert, registrieren wir jede Veränderung in unserem Gesichtsfeld als Sensation. Wir überblicken ein weites Feld von der Rezeption über die gesamte Halle bis zu einem Barbereich, den Flur vor den beiden großen Aufzügen und den Eingang zum Speisesaal. Wir registrieren und notieren: Die U 21 geht zum Abendessen. Ich erkenne den Präsidenten Niebaum und den Mannschaftsarzt Dr. Wohlfahrt. Keine Spur von Kahn, Ballack und Co. Wir beobachten scharf: Serviceleute schieben Container mit Spielgerät und Bällen. Die Minuten verstreichen. Später steigt Marco Rehmer aus dem Lift und trifft sich mit dem Isländer Jolly Sverisson, der früher in Berlin gespielt hat, zum Schwatz an der Bar. Wir sitzen und schauen. Der Securitymann beobachtet uns, wir beobachten ihn. Neben uns hat ein älteres Ehepaar aus Deutschland Platz genommen. Es ist gemeinsam mit dem deutschen Team angereist und hat schon eine Tagestour zu den Geysiren hinter sich. Die Leutchen haben mitbekommen, dass wir auf der Suche nach einer Karte sind. Ihnen ist langweilig. Sie setzen sich neben uns und beobachten, wie es uns weiter ergeht. Über eine Stunde verstreicht. Es tut sich nichts. Der kleine Bub von vorhin ist mit seinem Vater offenbar in die erste Etage hochgefahren, triumphierend kommen beide zurück: Sie haben Oliver Kahn gesehen. Plötzlich – fast möchte ich sagen, aus der Tiefe des Raumes kommend, taucht Sepp Maier in der Halle auf. Die Bayernlegende, der Weltmeistertorhüter von 1974, der Rateonkel einer aufgewärmten Version von „Was bin ich“, der aktuelle Tormanntrainer der Deutschen. Maier geht an die Rezeption und spricht mit einem Portier, der ihm einen Prospekt aushändigt. Jetzt würde ich gern schreiben: In diesem Moment sieht mich Sepp Maier auf der Couch sitzen, geht auf mich zu und begrüßt mich wie einen alten Kollegen. Ob ich nicht ein Foto von uns beiden machen wolle, fragt er umgänglich. Ja, wenn du unbedingt meinst, sage ich. Ja, hab dich nicht so, sagt Sepp, dann stehen wir schon nebeneinander und posieren für Oddný, die uns knipsen wird. Freundschaftlich legt mir Sepp Maier seinen Arm um die Schultern. Wenn´s was wird, schickst mir eins, sagt Sepp noch und entschuldigt sich. Das Match morgen, er müsse nach oben, habe noch Wichtiges zu besprechen, der Rudi Völler warte schon auf ihn. Möglicherweise hat sich das Ganze auch ein bisschen anders abgespielt. Möglicherweise hat mich der Sepp Maier zuerst gar nicht erkannt. Vielleicht war er auch äußerst knapp angebunden und wirkte beinahe ein wenig mürrisch. Wegen der Anspannung vor dem Spiel. Gut möglich, dass ich den Sepp Maier zu dem Foto mehr oder weniger genötigt habe. Wenn ich ehrlich bin, ist mir in dem Moment überhaupt nichts eingefallen, was ich mit dem Weltmeistertormann reden hätte können. Aus Verlegenheit habe ich dann gesagt, dass ich aber aus Österreich sei. Welche Botschaft ich ihm damit schicken wollte, weiß ich nicht mehr. Im nächsten Moment schon ist mir bewusst gewesen, dass ich mit diesem blödsinnigen Satz ganz schön ins Fettnäpchen getreten bin. Mit dem Stichwort Österreich habe ich ein Reizwort ausgesprochen, das der Sepp als Provokation auffassen hätte können. Beim legendären 3:2 der Österreicher gegen die Deutschen in Cordoba hat der deutsche Torhüter nämlich Sepp Maier geheißen.

Dann sitze ich mit Oddný wieder allein in der Halle, neben uns das uns beobachtende Ehepaar. Noch immer kein Anruf von Calli. Viel später kommt ein graumelierter Herr von der deutschen Mannschaftsleitung daher, den Oddný anspricht. Endlich erscheint Calli wieder aus dem Aufzug. Er bemerkt uns und winkt uns zu. Er wird anrufen. Bald. Wir setzen uns in der Zwischenzeit an die Bar. Ein Glas Wein kostet 600 Kronen, umgerechnet knapp über 100 Schilling. Nach fünf Minuten schwebt der graumelierte Herr aus dem Aufzug und direkt auf uns zu. Er drückt Oddný zwei Karten in die Hand. Mit besten Grüßen von Rainer Calmund. Die Karte zum Preis von 4000 Kronen, mehr als 7oo Schilling. Angeblich werden die Karten am Schwarzmarkt um 40000 Kronen gehandelt. Das machte dann mehr als 7000 Schilling! Oddný ist happy, ich bin es auch. Unsere Nachbarn, das deutsche Ehepaar, haben genug gesehen, gratulieren und ziehen sich zur Abendruhe zurück. Wir fahren nach Hause, öffnen eine Flasche Wein und trinken auf unseren Erfolg.

Am nächsten Tag fahre ich ins Goethezentrum. Alle sind aufgeregt und nervös. Das Zentrum veranstaltet eine Tippwette zum Spiel. Als Hauptpreise gibt es Bälle mit den Originalunterschriften der deutschen Spieler zu gewinnen. Ich treffe auf die kleine deutsche Germanistengemeinde in Island. Peter Weiss, der Leiter des Goethezentrums, trägt einen deutschen Fanschal, Harpa, seine isländische Sekretärin, einen isländischen. Ich tippe 1:0 für Island. Peter und Harpa locken Laufkundschaft von der Fußgängerzone hinauf ins Zentrum zum Tippen. Irgendwo steht eine Kiste mit Gastgeschenken für die Literaturprominenz, die in der folgenden Woche zum internationalen Literaturfestival nach Reykjavík anrücken wird: Bücher für Per Olaf Enquist, Henning Mankell, José Samarago, Judith Hermann, Haruki Murakami und anderen mit einer Schleife in den isländischen Landesfarben herum. Ich blättere in einem Buch des Erfolgsautors Haruki Murakami und lese den Satz: „Ich wollte sie bis zur Hirnerweichung vögeln – tausendmal, in jeder erdenklichen Stellung“ (Gefährliche Gefühle, S. 50). Aha, so schreibt man also einen Bestseller, denke ich.

Oddný bringt mich mit ihrem Neffen ins Stadion. Wir sitzen im deutschen Sektor, ganz oben. Von 7000 Zuschauern kommen tausend aus Deutschland. Ich sitze neben Anette, einem netten Mädel, Praktikantin an der deutschen Botschaft. Natürlich werde ich für Island die Daumen drücken. Die Hymnen werden live und a capella von einem Sänger gesungen. Mir läuft eine Ganslhaut über den Rücken. Bei der letzten melodischen Steigerung der isländischen Hymne singt Sverrir lauthals mit. Das Spiel der Deutschen ist ohne jeden Glanz. Natürlich sind sie technisch stärker, die Isländer haben aber in ihrem Tormann, der bei Rosenborg Trondheim fängt, einen starken Rückhalt. Er vereitelt gleich zu Beginn zwei, drei große Chancen. Die Stimmung im Stadion ist prächtig, immer wieder erschallen Gesänge der einheimischen Fans. Wir skandieren mit einem pentatonischen Motiv: Áfram Island! Die Atmosphäre im deutschen Sektor wirkt dagegen saturiert, hier sitzt eher betuchtes Publikum. Da hat man viel bezahlt, ist so weit gereist und dann bekommt man zu wenig geboten. Hinter mir sitzen drei Fans aus Leipzig, die sichtlich leiden. Pause. In der zweiten Halbzeit wird Island stärker. Kahn legt sich mit einem Stürmer an, der droht ihm mit der Faust. Rechts hinter dem Tor steht ein Container der ARD. Darinnen hocken die Analytiker des Spiels, Klaus Delling und Günter Netzer, zwanzig Meter vom Spielfeldrand entfernt und schauen sich das Spiel, für uns Zuschauer gut erkennbar, auf einem Bildschirm an. Sepp Maier wandert hinter dem Tor der Deutschen nachdenklich auf und ab. Er winkt mir zur Tribüne herauf. Am liebsten würde er mich fragen, was er gegen die immer stärker werdenden Isländer unternehmen soll. Bei einer Doppelchance der Insulaner klären die Deutschen zweimal auf der Linie. Zum Schluß noch ein Corner für Island, dann ertönt der Schlusspfiff, Endstand 0:0. Ich werde wieder erwachsen und kaufe zwei Schals, die extra für dieses Spiel produziert wurden, einen für Sverrir, einen für meinen Sohn in Österreich. Während wir nach Hause fahren, gibt Rudi Völler dem deutschen Fernsehen ein legendäres Interview, bei dem er total ausrastet. Davon erfahre ich erst später.

Am nächsten Tag, bei der Eröffnung des Literaturfestivals, fotografiere ich, weil ich schon dabei bin, Henning Mankell und posiere mit Judith Hermann für ein Foto. Das ist schon eine andere Geschichte.