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Schreiben in Zeiten der Spaßgesellschaft.

Texte in Anthologien und Zeitschriften

In: LiteraTour. Skriptum 11. Welser Anthologie 2001, S. 12 – 16.

SCHREIBEN IN ZEITEN DER SPASSGESELLSCHAFT

Neulich flatterte das Prospekt einer Buchhandlung ins Haus. In einem Interview legte darin ein bekannter österreichischer Autor der jüngeren Generation folgendes lapidare Bekenntnis ab: „Ich bin eher unpolitisch“.

Eine widersprüchliche Aussage, wie ich finde. Nach meinem Verständnis von Politik kann auch die Behauptung des Unpolitischen nur als politische Haltung verstanden werden.

Der knappe Satz deutet allerdings ein Spannungsfeld an, in dem sich die österreichische Literatur seit mindestens einem Jahrhundert bewegt: Welche Funktion hat sie im gesellschaftlichen Kontext? Ästhetik oder Ethik, Artistik oder Realistik, Sprachsphäre oder Gesellschaftskritik, zweckfreie Kunst oder brauchbare Sprache?

Bleibt Sprache ganz bei sich, oder leckt sie noch an einer wenn auch sehr unübersichtlich gewordenen gesellschaftlichen Realität?

Das Problem stellte sich nie rein antagonistisch, sondern immer in Abstufungen oder Mischformen dar, die Extrempositionen, hier eine Kunst l´art pour l´art, da Autoren, die überzeugt waren, mit den Mitteln ihrer Sprache eine bestimmte Ideologie zu stützen, bildeten und bilden nur die Eckpfeiler einer breit gefächerten literarischen Szene.

Die Frage läßt sich nicht einmal im Blick auf die literarische Arbeit eines einzelnen Autors eindeutig beantworten. So wird derzeit etwa die Debatte über die Funktion der Texte Thomas Bernhards geführt: Sind seine Texte als scharfe Gesellschaftskritik, damit als zutreffende politische Analyse Österreichs lesen, oder betreibt der Autor nichts anderes als eine Ästhetisierung populistischer Ressentiments? Oder, wie Werner Schneyder pontiert fragt: Steht Bernhard nicht sogar Haider nahe, hat er nicht dessen politischen Aufstieg mit ermöglicht?

Josef Haslinger meint, daß es in einer postmodernen und liberalen Gesellschaft letztlich wohl lächerlich wäre, „wollte man noch einmal allen Ernstes die Frage stellen, was Literatur soll oder nicht“.

Ich glaube dennoch, daß kein Autor, keine Autorin um die persönliche Beantwortung der Frage herumkommt, warum und zu welchem Zweck und mit welchen sprachlichen Mitteln er bzw. sie schreibe.

Von Martin Walser stammt der Satz, daß nur der etwas zu sagen habe, dem etwas fehle. Der Drang zu schreiben, entspringe einem Mangel. Walsers These, formuliert 1974 im Essay „Wer ist ein Schriftsteller?“, hat mich von meinen ersten Schreibanfängen an begleitet.

Walser konnte sich schwer vorstellen, daß es Schrifsteller gebe, die mit dem, was sie schrieben, einen Beitrag zur Weiterentwicklung einer literarischen Gattung, sagen wir dem Sonett, sagen wir dem Anagramm, sagen wir dem Roman leisten wollten.

Natürlich bediene sich ein Autor literarischer Formen, gebrauche die Sprache, nicht aber, um sie zu pflegen, sondern um mit ihr dem Ausdruck zu verleihen, was ihm als Mangel aufstoße.

Walser nannte das: „Jemand, der die Mangelhaftigkeit seiner Identität nicht nur leidend hinnimmt, sondern in den Beschädigungen das Beschädigende zu erkennen sucht, wird Experte für Identitätsschädigung. Wenn er sich mehr für das Beschädigende interessiert, wird er realistischer Schriftsteller.“

In diesem Sinne halte ich mich für einen realistischen Autor. Ich versuche mich schreibend und scheiternd als Feldforscher in der Wissenschaft vom Menschen, erzähle von Menschen, ihren Träumen, ihren Wünschen, ihren Abgründen und Widersprüchen. Ich vermesse die Differenz zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte.

Vielleicht war es vor dreißig, vierzig Jahren leichter, das Beschädigende klar zu benennen, vielleicht waren die Feinde leichter erkennbar, die Weltbilder jedenfalls, links wie rechts, hingen noch unverrückt an der Wand.

In Zeiten des Neoliberalimus, in Zeiten, in denen auch Kultur- und Kunstschaffende immer öfter angehalten werden, sich mit der Wirtschaft und ihrer Propaganda zu arrangieren, sich den gleichsam naturgegebenen Gesetzen der Ökonomie zu fügen, sind die Widersprüche und Verwerfungen einer Gesellschaft schwer auszumachen und noch schwerer in künstlerischer Form zuzuspitzen. Auf Grund welcher gemeinsamer Vereinbarung treffen wir unsere Urteile, wogegen richtet sich unser Zorn, wenn heute doch alles geht? Wer könnte denn scharf und direkt – welche? – Wahrheit benennen, wenn uns dieselbe längst abhanden gekommen ist? Wie quer denken und reden, wenn zwar alles gesagt werden kann, keiner aber mehr zuhören will?

Der lateinamerikanische Autor Mario Vargas Llosa hat kürzlich eine bedenkenswerte These aufgestellt: „Sozialer und wirtschaftlicher Fortschritt“ schreibt er, „geht unmittelbar einher mit einem langweiligen Leben als Folge der Anpassung an die Realität und verhält sich umgekehrt proportional zu geistigem Aufruhr, der sich aus dem Aufbegehren gegen die Wirklichkeit speist“. Deshalb sei auch in Lateinamerika, wo Kunst und Literatur noch mit Träumen, Idealen und Fiktionen gegen (eine oft als Unrecht erlebte) Realität ankämpfe, das Leben „so intensiv, abenteuerlich, unvorhersehbar, farbenfroh und kreativ“. Daß Llosa seinen Befund von der Langeweile als Grundzustand an unserem Nachbarland Schweiz, dem Land mit dem höchsten Lebensstandard der Welt, festmacht, mag ein schwacher Trost sein.

Schreiben in Zeiten wirtschaftlicher Prosperität, in Zeiten von Bausparverträgen und Lebensversicherungen, Abenteuerurlauben und Geldspekulationen, in Zeiten, in denen die breite Masse durch Tittitainement ruhig gestellt wird, ist schwierig geworden. Die Literatur und die Kunst laufen Gefahr, daß ihre Worte und Bilder in Watte gepackt, daß ihre Fähigkeit zu einem Geschäft des Events, der Behübschung, einer Kultur des Ornaments, daß ihre subversive Potenz  zu bloßer Affirmation bestehender Machtverhältnisse verkommt.

Es gibt auch bei uns noch genug Szenarien abseits gelangweilter Spaßkultursattheit. Genug Gründe, gegen die Wirklichkeit aufzubegehren. Vielleicht muß man, und man heißt ich, nur genau hinsehen und hinter die grell beleuchteten Kulissen unserer Erfolgsgesellschaft treten. Was verbirgt sich hinter der mühsam getragenen Firnisschicht des telegenen Scheins, was wird in den Chefetagen der Banken und Konzerne, was in den Zonen des Mobbings verhandelt, wer tummelt sich in Fitneßcentern und Solarien, was verbirgt sich in Einkaufstempeln und Erlebnisparadiesen?

Und schließlich gibt es hinter den Bezirken der Langeweile, an den Rändern und in den Schattenzonen unserer Gesellschaft auch noch die Menschen, deren Leben und Schicksal anzuerkennen und zu erzählen der engagierten Literatur immer schon wichtig war: AußenseiterInnen, Flüchtlinge, AusländerInnen, Arbeitslose, Unterprivilegierte. Ich denke, unser Land hat mehr Druckstellen, mehr Grenzzonen und Ränder als einer auf vermeintlich soziale Ausgewogenheit achtende Regierung lieb sein kann.

Die Neunziger Jahre haben literarische Moden in unglaublicher Schnelligkeit kommen und gehen gesehen: Vom Ende des Erzählens war die Rede, von postmoderner Komplexität, der neuen deutschen Lesbarkeit, dem deutschen Fräuleinwunder, zuletzt wurde der Markt von den Schnöselprodukten der Generation Golf überschwemmt.

Erstaunlich ist, daß das realistische Schreiben, die der Gesellschafts- und Sozialkritik verhaftete Literatur, welches schon abgeschrieben und denunziert schien, schneller wieder auf die Beine gekommen ist, als man das annehmen konnte.

Aus Frankreich und Belgien erreichte uns jüngst eine kleine, aber enormes Aufsehen erregende Welle von Büchern, deren Wirkung sich vor allem der genauen Kenntnis sozialer und beruflicher Milieus verdankt. Ich meine die Texte von Michel Houellebecq, Francois Emmanuel und Fréderic Beigbeder. Siehe da – flugs taucht in der Besprechung dieser Texte der Begriff “Literatur zur Arbeitswelt”, der auch in Linz einmal eine gewisse Rolle gespielt hat, und erst vor wenigen Jahren wegen Unzeitgemäßheit abgeschafft worden ist, wieder auf.  Leopold Federmair im Standard: „…natürlich in einem neuen Sinn, ganz und gar nicht so, wie es sozialistische Ästhetiken wollten. Die postindustrielle Arbeitswelt ist aseptisch, lautlos, rational, abstrakt – aber nicht weniger gewalttätig als ihre industriellen Vorläufer“.

Neulich im Parlament, während der Debatte um die jüngste antisemitische Äußerung eines einfachen Parteimitglieds, redete mir ein Exminister ins Gewissen. Wer schweigt, stimmt zu, rief er.

Ich saß zu Hause vor dem Fernseher und dachte: Der Exminister hat Recht und er hat Unrecht. Was soll ich tun, was ich nicht schon getan habe? Seit Jahren habe ich hin und wieder Seine Unsäglichkeiten zitiert und kritisiert, einmal mich auch an einem Stück über die Systemverlierer und ihren neuen Führer versucht. Bei Widerstandsveranstaltungen habe ich gegen ihn angelesen.

Kein ernstzunehmender Autor hierzulande, der nicht anschrieb gegen den Demagogen, den Populisten, den Zündler.

Allmählich geht mir das aber auf die Nerven, ich habe die Schnauze voll, mich wie paralysiert mit den Auslassungen des Kärtner Landeshauptmanns zu beschäftigen, wie konditioniert auf seine nächste Entgleisung zu warten.

Haider als Person interessiert mich nicht, der Narzißmus des Beschädigers interessiert mich nicht, als gesellschaftlicher Phänotypus interessiert er mich, die sozialen Bedingungen und Ursachen solcher Beschädigungen interessieren mich, nicht das zyklisch wiederkehrende Bierhallenschauspiel einer jämmerlichen Projektionsfigur.

Nur in diesem Sinne suche ich Haider schreibend in unserer Gesellschaft, vielleicht sollte ich schreiben, die kleinen Haiders, ihre subtilen Unterdrückungsmechanismen, ihre Xenophobie, ihren Selbsthaß, ihren angeborenen Untertanengeist, ihre Sehnsucht nach einfachen Lösungen, ich suche aber auch das propere Leben der Aufsteiger und Gewinner, die Sattheit glücklicher Einkaufskonsumenten, ich halte Ausschau nach dem schnell hingelachten Glück in den Szenelokalen, nach der „Ich teile nicht“-Mentalität, ich beobachte die Kaltschnäuzigkeit eloquenter Ellbogenmenschen, ich suche bei denen, die flexibel, mobil und leistungsbereit sind, ich forsche bei sogenannten kleinen Leuten und im Selbstverwirklichungsmilieu, bei meinen Nachbarn, in meiner Familie, ich suche auch bei mir selbst.

Das ist schmerzhaft, anstrengend und zeitraubend und taugt selten für Debatten in der Tagespresse.

Wer schweigt, stimmt zu, rief der Exminister. Ich saß zu Hause und fragte mich: Schweigt denn, wer schreibt?