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Textprobe

Mein Leben ist ein Roman

Das Ordnen der Stimmen

Walter Kempowskis „Echolot“ als Modellfall für die Arbeit

mit Erinnerungsmaterial

Das „Echolot“ von Walter Kempowski war ein maßgeblicher Anstoß für den Beginn der Initiative von Netzwerk Memoria. In diesem gewaltigen Werk fügt der Schriftsteller eine Unmenge von Tagebucheintragungen zusammen. Das Konstruktionsprinzip Kempowskis ist ebenso einfach wie effizient: Tag für Tag läßt er hunderte Menschen zu Wort kommen, von Hitlers Leibarzt über prominente Zeitgenossen bis hin zu jenen, die man heutzutage „die kleinen Leute“ nennt. Aus diesem vielzähligen Stimmengewirr ergibt sich ein rundes Bild, aus Geschichten wird Geschichte.

Dieser Zugang Kempowskis hat uns, Rudolf Habringer und Walter Kohl, fasziniert. Wir wollten kein österreichisches „Echolot“ schaffen. Aber die Methode, möglichst viele Stimmen aus möglichst vielen Lebenszusammenhängen zu Wort kommen zu lassen, die haben wir von Kempowski übernommen. Am Beginn unserer gemeinsamen Arbeit haben wir Walter Kempowski in seinem „Haus Kreienhoop“ in Nartum, halbwegs zwischen Hamburg und Bremen gelegen, besucht. In langen Gesprächen hat er uns sein Verständnis vom Geschichten-Erzählen vermittelt. Hier nun Kempowski im Originalton:

Walter Kempowski:

Der Anlaß, an ein derartiges „Ordnen der Stimmen“ zu gehen, war ein eigenartiges Erlebnis. Ich habe acht Jahre aus politischen Gründen im Zuchthaus Bautzen gesessen. Wir waren in großen Sälen untergebracht, und wir waren meist ohne Arbeit. Wir sassen also untätig herum, dicht gedrängt, jahrelang. Tausende Menschen. Jeder dieser ehemaligen Werkzeugfabrik-Säle war mit etwa vier- bis fünfhundert Häftlingen belegt. Was mich dort am meisten faszinierte, war das ununterbrochene Gerede. Dieses Raunen der vielen Menschen. Es war ja nicht nur die Belegschaft des einen Saales, in dem ich mich aufhielt, es gab acht solcher Säle. Das sind 3000 Menschen und mehr, die ununterbrochen reden. Was sollen sie sonst machen, wenn sie nicht arbeiten dürfen.

Einmal führte man mich über den Hof, ich weiß den Anlaß nicht mehr, es war Abend, und da hörte ich dieses Brabbeln, dieses Geraune und Gemurmel. Da fragte ich den Wachtmeister: „Was ist denn das, was ist denn das?“

„Das sind ihre Kollegen“, sagte er, „die erzählen sich was.“

Das hat mich nicht überrascht, es hat mich gewundert, im ursprünglichen Sinn des Wortes. Ich habe das nie wieder vergessen. Meine Gedanken damals waren wohl etwa so: Von den Neandertalern bis heute raunen die Menschen, sie raunen, raunen vom Schicksal, unausgesetzt. Wenn man zumindest einen Teil davon darstellen könnte, festhalten könnte, das wäre doch etwas außergewöhnliches.

Warum man so etwas macht? Das ist schwer zu beantworten. Es hat zu tun mit einem Gefühl der Barmherzigkeit. Der Notwendigkeit von Barmherzigkeit auch mit denen, die schuldig wurden. Daß man hier im christlichen Abendland, als ein Mensch, der selbst schuldig geworden ist, indem er lebte, nicht über anderen Leuten den Stab bricht, sondern einfach nur sagt: Wir wollen einmal sehen, was sie gemacht haben. Sine ira et studio. Ohne sich zu ereifern und ohne zu verurteilen. Es ist dies vielleicht nicht unbedingt ein Akt der Barmherzigkeit, aber zumindest einer der Gerechtigkeit. Ein Versuch, dem Geschehenen gerecht zu werden, indem man Dinge nebeneinander stellt. Den Zug der Häftlinge, die von einem KZ ins andere getrieben wurden, links und rechts die Erschossenen, und daneben den Zug der zigtausend Flüchtlinge aus Ostpreußen, die dem Haff zustrebten, um dort ihr Ende zu finden.

Dazu haben Kritiker gesagt: Aha, er will das eine mit dem anderen aufwiegen. Das ist jedoch nicht meine Absicht. Ich will Ursache und Wirkung darstellen. Indem ich die verschiedenen Phänomene, die Geschehnisse in den Lagern, die Luftangriffe und die Fronterlebnisse, fugenartig zusammen stelle, lade ich den Leser ein, sich Gedanken zu machen über Ursache und Wirkung. Ich lade ein, sich zu fragen, ob wir nicht zu kurz zielen, wenn wir nur eine Seite wahrnehmen. Und sich zu fragen, ob wir nicht eingeladen werden müssen zur Betrachtung von Ursache und Wirkung.