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Textprobe

Was wir ahnen

Keine achtundvierzig Stunden sind vergangen. Seit ich an der Grenze war. Und kaum drei Wochen, seit ich  Arnold in K. getroffen habe. So unwirklich das. So irreal. Vielleicht habe ich das alles nur geträumt. Vielleicht träume ich noch. Vielleicht wache ich bald auf.
Sie fädelte sich in die Abzweigung ein, die sie in den Stadtteil führte, in dem das kleine Haus stand, das sich die Eltern vor vier Jahrzehnten gekauft hatten. Damals, als sie aus der Stadt am See weggezogen waren.
Kurz vor der Sackgasse, in der Vater wohnte, bog sie auf den Parkplatz neben dem Einkaufscenter, an dessen Hinterseite die Müllcontainer standen. Der Einfall kam spontan.

Es war noch nicht einmal sechs Uhr früh. Die ersten Menschen auf dem Weg zur Arbeit wankten verschlafen zu den Haltestellen, starrten müde vor sich hin wie Irrende oder blätterten in der Gratiszeitung, die bei jedem Wartehäuschen auflag. Heute wurde Andreas‘ Wahlsieg verkündet. Wahrscheinlich war sogar in einer Zeitung ein Foto, auf dem auch sie abgebildet war. Einmal in sechs Jahren, immer bei der Stimmabgabe, musste sie das ertragen.
Der Platz vor dem Einkaufscenter war menschenleer, die Geschäfte öffneten erst zwei Stunden später. Der Container mit dem Altpapier quoll über. Tags zuvor war ihr das – es hatte bereits gedämmert, sie war wohl sehr aufgeregt gewesen – gar nicht aufgefallen. In der Zwischenzeit war er auch nicht geräumt worden. Der Container hatte eine Hebelvorrichtung, mit der sich der Deckel mit einem leisen Kreischen öffnen ließ.
Sie tat, als werfe sie Altpapier ein. Sie nahm die Zeitung von gestern, die Sonntagsausgabe, aus dem Wagen und legte sie obenauf auf den Papierstoß.
Sie bemerkte die Schnipsel sofort. Sie lagen oben auf, dort, wo sie sie am Vorabend eingeworfen hatte. Sie fegte sie in ihre Handtasche. Die Aktion dauerte nicht einmal eine Minute. Vielleicht gelang es ihr sogar, die Schnipsel alle wieder einzusammeln.
Minuten später stand sie in Vaters Wohnung. Sie hatte sich getäuscht. Der Vater war schon auf. Er saß in Unterhosen am Küchentisch, im Radio lief laute Marschmusik, Musik, die er früher kaum gehört hatte.
Er wunderte sich nicht, dass sie so früh kam, sondern blickte nur kurz auf. Ihn wunderte auch nicht, dass seine Tochter und nicht die Pflegerin erschien. Vor ihm auf einem Teller lagen die welken, braunen Apfelschnitten vom Vortag.
Ich mache dir Frühstück, sagte Katharina und machte sich am Herd zu schaffen. Aber du solltest dich anziehen und waschen.
Sie führte ihren Vater zur Toilette, entfernte die Windel und half ihm beim Niedersetzen. Waschen würde ihn später die Pflegerin. Vater roch scharf und säuerlich nach Urin und Schweiß. Er ließ die Prozedur gelassen über sich ergehen.
Wir haben die Wahl gewonnen gestern, weißt du das, fragte Katharina.
Die Wahl, fragte der Vater. War denn gestern eine Wahl, fragte er.
Gestern war doch die Wahl, sagte Katharina. Und Andreas hat gewonnen. Und du hast ihn auch gewählt, sagte sie und drückte ihn sanft auf den Klosessel, weil er noch nicht mit dem Wasserlassen fertig war.
Haben wir gewonnen, fragte er wie ein Kind.
Ja, du hast auch gewonnen, sagte Katharina.
Sie führte ihn zurück in sein Zimmer, legte ihm eine frische Windel an und legte ihm frische Unterwäsche hin. Manchmal, wenn er gut gelaunt war, schaffte er es noch, sich selber anzukleiden.
Sie machte in der Küche Kaffee, auch für sich, und schmierte Vater ein Butterbrot mit Honig.
Als sie ein Kind gewesen war, hatte er das manchmal für sie gemacht.
Dann saß er zufrieden am Tisch, kaute und schmatzte. Im Radio liefen die Morgennachrichten, ein Nachbericht über die Siegesfeier am vorigen Abend.
Plötzlich war Andreas‘ Stimme zu hören. Vater hob den Finger und grinste.
Katharina ging in das Wohnzimmer, suchte Papier und kramte in einer Lade nach Klebstoff.
Sie suchte in der Handtasche nach all den Papierschnipseln, die sie vorher eingesammelt hatte und legte sie vor sich hin auf den Wohnzimmertisch. Sie kontrollierte noch einmal, ob sie auch alle Papierstücke aus der Handtasche genommen hatte. Sie begann das Puzzle aus den kleinen Papierfetzen zusammen zu stellen. Allmählich formten sich aus den Einzelteilen die zwei Bilder, die sie gestern Abend zerrissen hatte.
Das eine Bild wirkte wie ein zufälliger Schnappschuss eines Touristen von der Nepomukbrücke hinunter auf das kleine Kaffeehaus an der Moldau in Krummau. Einige  Tische waren besetzt, an einem saß sie mit Arnold, ins Gespräch vertieft. Das zweite Foto war eindeutiger. Arnold hatte die Hand auf ihre gelegt, er beugte sich vor und sah ihr in die Augen. Man konnte sie für ein Liebespaar halten.
Sie fügte die Teile zusammen und klebte sie auf das Blatt, das sich vom Klebstoff leicht wellte. Sie achtete darauf, dass der Klebstoff nicht tropfte.
Das waren die einzigen Bilder, auf dem sie mit Arnold zu sehen war. Das Foto vom Maturaball, auf dem Arnold zufällig hinter ihr gestanden war, zählte da nicht. Seither waren Jahrzehnte vergangen. Die Fotos, die sie eben zusammen geklebt hatte, waren die einzige Erinnerung an das Wochenende in Krummau. Und der Engel im Handschuhfach.
Dann stand der Vater plötzlich hinter ihr. In seinen Filzschlappen war er unhörbar ins Zimmer gerutscht.
Was machst du da, fragte er und schaute ihr über die Schulter.
Ich klebe, das siehst du ja, sagte Katharina.
Wer ist das, fragte er und deutete auf das Puzzle.
Wer, fragte Katharina.
Der da neben Dir, sagte der Vater.
Ein Mann, den kennst du nicht, sagte Katharina.
Ein Mann, den kennst du nicht, echote der Vater.