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Textprobe

Das Unergründliche und das Banale

Schreiben heute

 

(…) Ist die Zeit um die Jahrtausendwende als eine Zeit der „Neuen Unübersichtlichkeit“ diagnostiziert worden (Jürgen Habermas), könnte die politischen Gegenwart angesichts der Flüchtlingsbewegung infolge des Syrienkrieges und des Erstarkens des Rechtspopulismus in vielen Ländern Europas als eine Ära der „Neuen Rat- und Hilflosigkeit“ bezeichnet werden.
Seit dem Sommer des Jahres 2015 werden auch wir in Mitteleuropa mit den Folgen des Syrienkriegs konfrontiert (eines Krieges, dessen Auswirkungen etwa ein Land wie der Libanon schon seit Jahren zu tragen hat); Menschen aller Generationen und Religionen lassen alles hinter sich und suchen Schutz und Zuflucht in den reicheren Ländern Europas.
Die Reaktion auf die Flucht der Vielen ist ambivalent und scheint unsere Gesellschaft in zwei Lager zu teilen. Hier die Guten und Wohlmeinenden, staatliche, kirchliche und private Institutionen, die spenden, in Aufnahmestationen Dienst machen, Flüchtlingen Deutschunterricht geben, eine Kultur des Willkommens propagieren, da Menschen, die angesichts der Flüchtlingskrise ihre Bedenken, ihre Ängste, ihre Ablehnung, ja ihren Hass herausschreien. Die politische Situation schlägt sich auch in der Sprache, in einem angstmachenden Vokabular nieder: Vom „Flüchtlingsstrom“ ist die Rede, von einer „Flüchtlingswelle“, einer „Asylantenflut“, ähnlich einer bedrohenden Naturkatastrophe, gegen die es sich zu wehren gelte.
Und wenn in solchen spannungsgeladenen Situationen Konflikte auftreten, wenn etwa junge Nordafrikaner, monatelang zusammengepfercht auf engstem Raum, zum Nichtstun verurteilt, auf einem Bahnhof randalieren (wie in Linz), oder Frauen bedrängen (wie in Köln), dann haben die Ängstlichen, die Besorgten, die Bedenkenträger und die Hasser schon immer gewusst: Statt Willkommenskultur willkommene Beweiskultur. Jeder Vorfall Beweis dafür, dass es ja so kommen musste.
Und dass jede Form von Integration aufgrund unüberwindlicher kultureller Unterschiede aussichtslos erscheint. (Der Vize-Chef des Bundes deutscher Kriminalbeamter am 27. 2. 2016 in der Süddeutschen Zeitung: „Viele Leute behaupten, die Flüchtlinge überschwemmen uns mit Kriminalität. Das ist einfach Unsinn. Da sind Straftäter dabei, klar, um die kümmern wir uns. Aber die große Masse, 99,5 Prozent, verhält sich völlig unauffällig.“)
Hier die Engagierten, da die Wut- und Hassbürger der Pegida; dazwischen eine hilflos agierende europäische Politik, die, untereinander kontraproduktiv agierend, kaum Ansätze einer konstruktiven Afrikapolitik erkennen lässt. Eine eben erst angelaufene Friedenskonferenz für Syrien könnte sich bald im Dickicht der verschiedenen Partikularinteressen verirren. Und Österreichs Außenpolitik (das ist eine Momentaufnahme von Februar 2016) spielt eine schäbige Rolle in der Ausgrenzung Griechenlands unter dem euphemistischen Begriff „Grenzmanagement“.
(…)
Und die Künstler? Ein Beispiel für die Ratlosigkeit etwa der 68er-Generation, die jahrzehntelang mit ihrer Kunst politische Analyse- und Deutungshoheit beanspruchte, ist für mich eine Aussage des Regisseurs und BE-Intendanten Claus Peymann, der jüngst in einem Interview bekannte: „Ich bin total überfordert von der Situation; die Muster, nach denen ich die Dinge bisher deuten konnte, greifen nicht mehr.“ („Mir fehlen die Worte“. Interview von Peter Kümmel mit Claus Peymann. In: Die ZEIT, 31.12.2015)
(…)
Überschwer hängen plötzlich die Wolken eines moralischen Über-Ich über dem eigenen Schreibtisch.
Eine hilfreiche Denkfigur und Theorie, die mich seit Jahren begleitet, entnehme ich der narrativen Therapie, einer speziellen Form systemischer Therapie, die von den australisch/neuseeländischen Psychotherapeuten White und Epston entwickelt wurde, in welcher der Begriff der Erzählung (und ihre sprachliche Konstruktion) eine zentrale Bedeutung hat: „Geschichten, so die narrative Prämisse, bilden Wirklichkeit nicht ab, sondern konstituieren diese. Wie und wovon wir erzählen, ist nicht Abbild der Wirklichkeit rund um uns, sondern Ausdruck einer Wahl oder Entscheidung, die wir treffen.“ (Konrad Peter Grossmann: Narrative Therapie. In: Systemische Notizen 4 (2003)) Jedes Sprechen über eine subjektive Befindlichkeit, also jede Erzählung über sich selbst, drücke sich in Form einer dominanten Erzählung aus, die sich meist auch in einem kurzen Satz zusammenfassen ließe. In einem therapeutischen Kontext könnte so eine dominante Erzählung lauten: „Mir geht’s sehr schlecht.“ In der Therapie geht es dann verkürzt darum, neben dieser sich als total anmutenden, dominanten Erzählung die daneben liegenden, alternativen Erzählungen zu heben und diese zu würdigen.
Bezogen auf die oben beschriebenen gesellschaftlichen Verhältnisse und die Möglichkeit von Literatur hieße das, neben den dominanten Erzählungen über unsere Gegenwart (etwa: „Wie werden überschwemmt“) auch die vielen alternativen Erzählungen zuzulassen: über die vielen Helfer, über positive Ansätze von Flüchtlingsarbeit- und Politik, über die vielen geglückten Beispiele von Integration, über demografische Chancen von Zuwanderung. Und es hieße vor allem den vielen Flüchtenden in ihrer Individualität wieder ein Gesicht, eine individuelle Geschichte zu geben.
Alternative Erzählungen zu heben, leistete dann das, was als genuine Möglichkeit von Literatur immer wieder beschrieben wurde: Differenzierung durch Genauigkeit, Konkretisierung durch Individualisierung, Entschleunigung statt Tagesgeschäft. (…)