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Textprobe

Alles wird gut

Gelbes, warmes Licht liegt auf dem Linoleumboden in der Küche. Ein strahlend blauer Morgen im September. Bald kommt der Herbst. Die Tür zum Balkon steht offen. Kühle Luft von draußen streicht in einer sanften Brise um die Beine.

Gerade ist er aufgestanden. Heute hat er frei. Mit bloßen Füßen tappt er über den Fliesenboden im Vorzimmer. Er trägt die helle, abgetragene Flanellhose, die bequemste, die er besitzt. Sein Hemd ist nicht zugeknöpft. Eben war er auf der Toilette, noch hat er sich nicht gewaschen.

Sein Gesicht ist blass, die Augen sind verklebt. Das Haar ist kurz geschnitten und liegt unauffällig, fast demütig an seinem kleinen Kopf. Sein Alter ist schwer zu bestimmen. Es scheint, als hinge es davon ab, wie das Licht auf ihn fällt. Er wird von Anfang zwanzig bis Mitte vierzig eingeschätzt. Er hält sich für nicht besonders attraktiv, aber auch nicht für hässlich. Stets bringt er Fotografen zur Verzweiflung. Nein, fotogen ist er nicht. Er lacht nie.

Er ist vierundreissig Jahre alt. Sein Rücken schmerzt. Tags zuvor hat er der Nachbarin geholfen, Kohlen aus dem Keller in die Wohnung zu schleppen. Nur noch wenige Wochen und die Heizsaison beginnt. Die Alte hat ihm zwei Äpfel geschenkt und einen Fünfeuroschein in die Hand gedrückt.

In der Küche sitzt eine fremde Frau am Frühstückstisch. Die Sonne scheint direkt auf die Zeitung. Die Frau hält sie so nahe vor die Augen, als wäre sie gerade dabei, sich damit zuzudecken, wie, um eine Gesichtsmaske aufzulegen.

Als sie ihn kommen hört, lässt sie die Zeitung sinken. Sie liest den Börsenkurier, ein Blatt, das ihm gänzlich unbekannt ist.

Sie streckt ihm die Hand entgegen.

Sie sagt: Hallo, nicht erschrecken, ich bin die Schwester von Robert.

Er nimmt die Hand und drückt sie. Sie fühlt sich kühl an. Die Frau trägt keinen Ring.

Er sagt: Hallo.

(Aus: Am See)