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Bücher Der Fragensteller

Ich kenne die Stadt, sieben Jahre lebe ich hier, ich kenne die Stadt nicht, sieben Jahre lang sehe ich mir diese Stadt an, erkenne aber nichts, sieben Jahre lang lese ich die falschen Reiseführer, lasse ich mir von selbsternannten Frem­denführern die Fassaden einer Stadt präsentieren, höre ich, sieben Jahre schon, Bürger dieser Stadt mit Worten ihre Wunschvorstellungen zusammenreimen, ihre Lieblingsworte höre ich, touristische Nutzung, Hochkultur, ich erlebe die Heilig­sprechung des Wortes Umwegrentabilität, höre ich das Wort Mo­zart klingt es wie Geld, höre ich Mozarteum klingt es wie Geldinstitut, höre ich das Wort Festspielhaus klingt es wie Weltbörse, Mozartoper klingt wie Geldoper, Mozartsonate klingt wie Geldsonate, Mozarthaus wie Geldhaus, Mozarteumor­chester wie Geldorchester, Mozartdirigent wie Bankdirektor, Mozartsänger wie Prokurist, Mozartwoche wie Weltgeldwoche, Mozartmesse wie Geldmesse, das Wort Mozarttodestag klingt wie Geldostern und so weiter.

Durch sieben Jahre habe ich mich falsch über diese Stadt in­formiert, als ich diesen Entschluß gefaßt habe, von hier weg­zugehen (lesen und schreiben, studieren, gebe ich als Gründe dafür an, es ist die halbe Wahrheit), treffe ich, zufällig?, auf Franz: der Fremdenführer in das andere Gesicht der Stadt. In Fortsetzungen lernen wir uns kennen.

Unrasiert das Gesicht, zwei Augen lassen sich nicht zum Paar zähmen und erkunden je für sich ein Blickfeld, die Ohren: Löffel, da ist jemand großgezogen worden, brüchige Finger­nägel trauern schwarz, Haarsträhnen legen sich eingefettet an den Sch„del, ein grobkariertes Hemd schert sich nicht um den Trend des Tages, scharf riechende Achselhaare brennen gelbli­che Höhenlinien in den Stoff, eine Kniehose , eine sogenannte Knickerbocker, gibt fleckig Auskunft, die ausgetretenen Schnürschuhe haben alles am Boden gesehen, eine Plastiktasche spielt einen Aktenkoffer, die Akten: mehrere Tageszeitungen, von Presse bis Bild.

Du brauchst mir nichts erzählen, sagt Franz, ich kenne mich aus, das Leben ist kein Honiglecken. Nur die Stärksten kommen durch. Was uns nicht umbringt, macht uns noch härter. Wir be­kommen nichts geschenkt. Wir sind nicht auf die Butterseite gefallen. Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen. Die Politiker sind alle Verbrecher. Alle, betont Franz. Nickt sich zu, die Ohren fächeln Zustimmung, ein Auge sucht sich in die Tasse, das andere überfliegt die Schlagzeilen. Da, sagt Franz, Geiselnahme noch immer nicht beendet, liest er vor, der Amerikaner läßt sich zu viel gefallen, sagt er, da gehören Panzer aufgestellt und drauf auf die Verkehrsma­schine, und die Sache ist erledigt, sagt Franz und bekräftigt mit seinem Lieblingssatz, den er seinen Aussagen wie einen Korkstoppel draufdrückt: ist es nicht wahr.

Diese Sauerei bei der Wohnungsgenossenschaft, ist es nicht wahr, die Privilegien der Politiker: ein Skandal, ist es nicht wahr, die Vertuschung von Waffenexporten: ein Verbre­chen, ist es nicht wahr, der Untergang der Lucona: der Gipfel des Staatsbankrotts, der saure Regen, der Müllberg, das Gift in der Luft, das Ozonloch: eine Katastrophe, ist es nicht wahr.

Während Franz von mir die Wahrheit bestätigt haben möchte, trinkt er seine Tasse leer, hechelt die Zeitungen mit raschem Blick durch, holt sich eine zweite Tasse Kaffee (ohne Milch), wechselt ständig das Standbein, fährt sich aufgeregt durch das fettverschmierte Haar, mischt gestikulierend Luft.

Ist es nicht wahr, daß ich beim Stehkaffee meinen Fremdenfüh­rer kennengelernt habe, ist es nicht wahr, daß er mich zum Kaffee einlädt, ist es nicht so, daß ich ihm, wann, beim zweiten Treffen, beim dritten?, zu einer Stadtführung folge, wir gehen an den Kirchen vorbei, wir gehen an den Plätzen vorbei, wir sehen die Gärten nicht, nicht die Residenzen, nicht das Haus des Großen Sohnes, nicht das Haus des Dirigen­ten, wir beachten die Vorderansicht nicht, an der offiziellen Wahrheit gehen wir vorbei, wir lassen das Bühnenbild außer acht und treten hinter die Kulissen, am Bahnhof gehen wir vorbei und wir gehen über die Brücke und noch weiter und die Stadtführung beginnt.

Ist es nicht wahr, daß mich ein ehemaliger Knecht aus dem Pinzgau hinter die Kulissen des Stadttheaters führt, zweiund­zwanzig Jahre habe er die Knechtsarbeit gemacht, Landwirt­schaft mit Fremdenverkehr, sagt Franz, Erntehelfer im Sommer, im Winter Skiliftwart, für einen Hungerlohn geschuftet, ist es nicht wahr, sagt Franz, ist es nicht wahr, daß mir der Fremdenführer seine Niederlassung, seine Suite (Swite, sagt Franz), ein Zimmer in einem Abbruchhaus am Stadtrand zeigt, hier läßt sich nieder, wer nach zweiundzwanzig Jahren Arbeit nicht mehr gebraucht wird, weil der Rücken nichts mehr trägt, hier steht die Residenz des Landflüchtlings, der Gelegen­heitsarbeiter wird, hier lebt es sich mit chronischer Bron­chitis und Sozialhilfe, das ist das Palais ohne Stromanschluß und Fließwasser, hier ist der Prunkraum mit Bett, Tisch und Sessel, das ist der Kübel, in den der König sein Wasser ab­schlägt, die Kleidungsstücke am Boden, das muß der Gardero­benschrank sein, die Kerzenstummel der Luster, die Porno­hefte, die alten Zeitungen: die Bibliothek. Die Tapeten in Fetzen: ist das nicht die Galerie, der Schimmel, der aus al­len Ecken wächst: sind das nicht Fresken? Ist der Gestank nicht Parfüm?

Ist es nicht wahr, was ich sehe, täuscht mich mein Ohr, wenn ein Knecht erzählt, der Gestank: führt mich meine Nase an sich selbst herum?

Einem ehemaligen Landarbeiter stehe ich in Bahnhofsnähe bei Kaffee gegenüber, und Franz sucht die Zeitungen mit fliegen­den Augen nach Wahrheit ab, alles Schwindel, ist es nicht wahr, sagt Franz, alles gelogen, das ist doch die Wahrheit, so Franz, und redet von ihnen, denen, sie haben gesagt, und meint die Politiker, alles Gauner.

Saubermachen, Ordnung machen, reinen Tisch, ausräumen, das wäre es, schlägt Franz vor, oder sei es nicht wahr?

Habe ich etwas gehört? Hat mich ein Fremder als Fremden ge­führt?

Ich verstehe nicht, wie du aufs Land gehen kannst, sagt Franz und schüttelt den Kopf, die Ohrlöffel nicken.

Ich höre ihn. Ich verstehe ihn nicht.

Wir denken viel. Wir sagen wenig.

Was wir sagen: Andeutungen, Erzählungen.

Wenig von dem, was wir erzählen, schreiben wir auf.

Im Geschriebenen: eine Spur von dem, was wir denken, vielleicht ein Prozent.

Da das Geschriebene nur eine Spur (ein Prozent) von dem enthält, was wir denken, wissen wir, daß es zu neunundneunzig Prozent nichts mit dem zu tun hat, was wir denken.

Die Wahrheit beträgt hundert Prozent.

Wir erahnen die Wahrheit, indem wir sie uns zu neunundneunzig Prozent anders vorstellen, als das Geschriebene sie vorgibt.

Wir müßten alles umschreiben.

Wenn wir das könnten, kämen wir an die Wahrheit.

Wenn wir im Besitz der Wahrheit wären, brauchten wir das Schreiben nicht mehr.

Wir schreiben, weil wir die Wahrheit finden wollen.

Weil wir schreiben, kommen wir nicht zur Wahrheit.

Wir hätten keine Ahnung von der Wahrheit, wenn wir nicht schrieben.