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Textprobe

Der Kobold der Träume

Der Träumende bin ich und der Geträumte. Fragmentarische Anmerkungen

Nächtens gehe ich hinunter in mein Archiv, ich klettere in meinen Kopf hinein, tauche ab zu einem Grund, den keiner kennt, dorthin, wo alles über mich und von mir aufbewahrt ist: Menschen, Gerüche, Ängste, Erfahrungen, Gefühle genau so wie altes, nicht entsorgtes Gerümpel. Angelangt bei meinen Träumen fühle ich mich zu Hause und zugleich fremd.

Vielleicht verhält es sich aber auch so: Nacht für Nacht klettert ein Traum aus meinem Archiv, kriecht aus meinem Kopf in meinen Kopf, taucht auf aus meiner Tiefe und tanzt mir vor den Augen. Wer hat wen? Habe ich den Traum, hat der Traum mich? Oder fallen wir in eins? Bin ich mein Traum, der vor sich selber gaukelt?

Ich vermute: Wenn ich träume, bin ich ganz bei mir, ob ich will oder nicht. Der Träumende bin ich und der Geträumte.

Mein Traum existiert vielleicht gar nicht. Sobald ich über ihn spreche, spreche ich über eine Erinnerung. Ein Traum, den ich schriftlich festzuhalten suche, ist eine erinnerte Konstruktion, eine Erfindung durch Sprache. Ja, die Biologen und Mediziner mit ihren Messgeräten stellen fest: Da ist die REM-Phase. Jetzt träumt er oder sie. Sie wissen aber nicht, was. Sie wissen nicht, ob die Träumende sich erinnern wird. Sie wissen nicht, was sie erinnern wird. Sie wissen nichts, nur dass sie sagen: Jetzt träumt er/sie. Kein Mensch, nicht einmal ich selbst, kann den Inhalt, den content meines Traumes verifizieren. Jeder erzählte Traum könnte bloß Behauptung, Lüge, Flunkerei sein.

Der Traum gehorcht seiner eigenen Logik, vielleicht stimmt: Im Traum ist alles möglich. Es gibt kein richtig und kein falsch. Der Traum, an den ich mich erinnere, ist vorbei. Ich kann nicht mehr in ihn zurück.

Die Wissenschaft sagt mir, ich träumte viel, ich träumte jede Nacht. Ich erinnere nur wenige Träume. Nur in Phasen, in denen ich mir vornehme, diszipliniert zu sein, schreibe ich Träume auf. Die notierten Träume sind die zufällige Auswahl einer Auswahl einer Auswahl. Wie prekär das Herzeigen eines notierten Traumes ist: wie angreifbar ich mich damit mache. Wie kindlich, wie verletzlich, wie privat ich in meinen Träumen bin. Wie unreif ich mich fühle, wie manchmal Scham in mir aufsteigt beim Lesen eines eigenen Traums. Nichts hört sich erwachsen an, nicht einmal beim Nachdenken über meine Träume, denke ich, bin ich so, wie ich glaube, dass die anderen seien: dass sie darüber stünden, reflektierend über sich selbst erhaben. Mich ängstigt, dass meine Träume auch ein Ausweis seien für meine kleine, banale Welt. Stimmt, wenn ich sage: Für meine Träume, für die Plots kann ich nichts?

Die Scham, die Veröffentlichungshemmung, die mich angesichts meiner Träume befällt, habe ich erstaunlicherweise nicht bei literarischen Texten, deren Entstehung sich ja ähnlichen, schwer zu durchschauenden neuronalen Assoziationsprozessen verdankt. Übrigens haben mehrere AutorInnen dieses Buchprojekts ihre bereits eingereichten Träume nach einiger Zeit zurückgefordert, um sie noch einmal zu überarbeiten und einzustreichen. Ich interpretiere das als Ausdruck einer ähnlichen Unsicherheit.

Ich weiß nicht, was meine Träume bedeuten außer den Bildern, die sie vorführen, den kleinen, bizarren Geschichten, in die sie sich kleiden. Warum sollte ein Traum eindeutig interpretierbar sein? So wie mancher Leser vor einem Gedicht, mancher ungeduldige Betrachter fragend vor einem Bild steht und keine Antwort erhält, so verweigert sich der Traum der eindeutigen Exegese. Natürlich sind mir einige Erklärungshypothesen von Träumen bekannt: Sauerstoffmangel beim Herunterdrosseln der nächtlichen Energie,

sexuelle Konnotationen, Tagesrestverarbeitung etc.: Bedeutungskonstruktionen.

Wer aber kann von sich mit Recht behaupten, er wisse, was ein Traum bedeute?

Den Traum, den ich am häufigsten träume, habe ich in meiner Aufzeichnung gar nicht angeführt: einen Alptraum in Variationen. Eine Variation liest sich zum Beispiel so: Ich stehe knapp vor der Matura und habe Angst vor der letzten entscheidenden Schularbeit. Unmittelbar vor der Mathematikstunde fällt mir ein, dass ich offenbar drei Beispiele, die ich falsch gerechnet hatte, nicht verbessert habe. Ich schaue in das Heft meiner Frau, auch sie hat ein Beispiel nicht gerechnet. Plötzlich sehe ich das Schlafzimmer meiner Eltern in unserer alten Wohnung vor mir. Ich weiß, dass mein strenger Mathematiklehrer dort schon einmal übernachtet hat, als meine Situation noch nicht so kritisch war. Zurück in der Schulklasse. Meine Lage ist aussichtslos: Diesen Stoff werde ich nie verstehen, ich werde es nie schaffen durchzublicken. Entnervt wache ich auf.

Wie gesagt, eine Variation von vielen. Einmal habe ich nachgerechnet, dass ich diesen Traum seit meiner Matura vor mehr als 25 Jahren, bei der ich tatsächlich im Fach Mathematik mündlich maturiert und bestanden habe, zwischen 250 und 350 Mal geträumt haben muss: ein alphaftes Geschehen in Endlosschleife mit beinahe immer fatalem Ende.

Am 28.10. 2000 träume ich knapp vor dem Aufwachen: „Ich fahre mit dem Auto durch eine kurvige Stadt, biege links ab, fahre bei einer Kreuzung wieder rechts auf die Hauptstraße auf, fädle mich gerade noch in den fließenden Verkehr rein, vorne ist ein Verkehrsunfall. Eine Polizistin weicht mir aus. Sagt sie: “Keine Angst, Kleiner?” Die Straße führt steil nach oben, ich schaue hinter mich und wundere mich, wie klein mein Auto ist, als säße ich in einem Beiwagen für Motorräder.“ Und aus. Als ich diesen Traum notierte, fiel mir sofort Kafkas Kurzprosatext „Gib´s auf!” ein. Ist meiner nicht ein Gegentraum, ein Kontrapunkt? Oder doch auch eine Variation?

Manche Träume verbinde ich mit heftigen Gefühlen, die ich unmittelbar nach dem Erwachen verspürte und die ich, angefügt an die Traumaufzeichnungen, kurz zu beschreiben versuchte. Da heißt es an einer Stelle: „Gefühle werden wach, die lange schon eingerext waren, wie Sardinen in Büchsen eingeschweißt.“ Nach einem Traum, in dem ich mit meinem schon vor Jahren verstorbenen Vater telefoniere, notiere ich: „Erwache mit dem Gefühl, an eine tiefe Schicht meines Bewusstseins, Unbewusstseins, meines Selbst vorgedrungen zu sein. Ein Traum, der an tiefste seelische Wurzeln rührt.“ Ein andermal: „Ein angenehmes, ein wohliges, ein Gefühl der Geborgenheit erfasst mich.“

Nach solchen Träumen bleibt eine Ahnung, nahe an einen, meinen? Grund, in die Nähe von etwas gekommen zu sein, was mich weit in meine, vielleicht auch in jemanden anderes Vergangenheit führt. Meine Träume lüften für einen Augenblick Deckel, klopfen an verbotene Türen, kratzen an dünnem Verputz. Kisten werden einen Moment lang aufgeklappt, Särge einen Spalt geöffnet, Ausblicke gewährt. Manchen Träumen würde ich gerne nachgehen, folgen im Sinn des Wortes. In ihre Logik, ihre Aura, ihre Zeit. (Analog zu Einstein: Der spielte im Gedankenexperiment, auf dem Lichtstrahl durch die Zeit zu gleiten). Bei manchem Traum wollte ich wissen, wie er weitergeht. In keinem Fall wäre ich so weit gegangen, meine Wirklichkeit für die des Traumes eintauschen zu wollen. Bei einigen Träumen war ich froh darüber aufzuwachen. Wie viele Träume führen zurück, wie viele nach vorn? Wenn nach vorn, wohin bitte?

Die Menschen in meinen früheren Träumen umfassen wenige Personengruppen, die Schauplätze sind eng begrenzt: Familie, Verwandte, Kollegen, Freunde. Der Ort meiner Kindheit als häufigster Schauplatz. Erst später kam Angelesenes, Gesehenes dazu. Ab und zu verirrt sich ein prominentes Gesicht in meine plots. Die Schauplätze und Figuren meiner Träume lesen sich wie der Auszug der Rollenliste eines Schauspielers oder einer multiplen Persönlichkeit: Ich bin Melder im Bosnienkrieg, Prediger in einer Kirche, ich bin ein jüdisches Kind, ein Totenausgräber auf einem Friedhof, ich plaudere mit Karajan, ich sitze im Kino, in einer Kneipe in Reykjavik, ich liege im Ehebett meiner Eltern, ich telefoniere in einer Wohnung mit braunen Möbeln mit meinem toten Vater, ich erleide einen Verkehrsunfall, ich sitze in einem Kino, im Theater, ich fahre mit einem Aufzug in die falsche Richtung. Schräge Erkenntnisse: „Ich sehe auf dem linken Auge nicht mehr scharf.“ – „weiß leben, schwarz denken!“ – „Ostmaden!“ – „Ich weiß nicht, wer wir sind.“

Was meine Träume mit der Welt zu tun haben: Ich weiß es nicht. So wenig, wie ich weiß, was ich mit ihr zu schaffen habe. Nicht, dass ich nicht Zeitung läse, nicht Nachrichten hörte, mich nicht empörte. Was spiegelt sich in meinen Träumen? Ich weiß nicht, was meine Träume über mich hinausgehend bedeuten sollten, außer dass ich als Träumender darin anderen Menschen ähnlich wäre. Das wäre dann alles, was ich wüsste.

In einer Nachbemerkung eines notierten Traumes lese ich eine mir selber geltende Aufforderung: „Alles ernst nehmen, jedem Hinweis nachgehen.“ Viele Widersprüche, die sich nicht auflösen. Was ist richtig, was behauptet, was gelogen, was erfunden, was ist wahr?

Was ist wirklich wirklich? Sind nicht auch Träume wirklich, wirkmächtig, in die Realität eingreifend?