Autor

Bücher/Texte

Projekte

Angebote

Aktuell




Textprobe

Hansi Hinterseer lernt singen

Aus dem Tagebuch eines Schlagersängers

3.Mai

Liebes Tagebuch!

Die Welt ist schön. Die Berge sind schön. Die Bäche sind schön. Der Mai ist schön. Die Heimat ist schön. Kitzbühel ist schön. Franz Beckenbauer ist schön. Karl Moik ist schön. Die Mädchen sind schön. Mein Engel Baby Blue ist schön. Ein Kuß ist schön. Wenn man sich lieb hat, das ist schön. Auf meinem Konto ist ein schöner Stand.

Heute hat mir der Briefträger ein Päckchen aus Berlin gebracht. Nein, diese Freude! Meine Verehrerin Marion schickt mir ein Tagebuch.

Jetzt liegst Du vor mir, sanft, unversehrt, jungfräulich. So oft ich kann, will ich meine Gedanken in Dich hineinschreiben. Vielleicht kann man daraus einmal ein Buch machen.

In Liebe, Dein Hansi

7.Mai

Liebes Tagebuch!

Meine Augen sind braun, meine Haare sind blond, meine Zähne sind weiß. So bin ich eben, liebes Tagebuch. Dir brauche ich mich nicht extra vorzustellen, Du kennst mich ja in und auswendig. Aber es ist einfach schön, aufzuschreiben, was einem gerade in den Sinn kommt.

So stelle ich mir das Dichten vor. Es ist sicher schön, ein Lied zu schreiben. Wenn es fertig ist, ist es ganz von einem selber gemacht. Wenn ich einmal mehr Zeit habe, werde ich meine Lieder auch selber texten, das wird schön.

Heute scheint die Sonne. Schön einerseits, schade andererseits. Jetzt geht das Schifahren nur mehr am Gletscher. Muß ich halt im Sommer ein bißchen mehr singen als schifahren.

Morgen fahre ich nach München. Ich besuche meinen Manager zu einem Arbeitsgespräch. Ich glaube, ich werde das rote Auto nehmen.

Ciao dann, Hansi

9.Mai

Liebes Tagebuch!

Gestern war ich bei Walter, meinem Manager, in München auf Besuch. In der Siedlung, in der er wohnt, hat man gar nicht das Gefühl, in einer Großstadt zu sein.

Die Villa ist wirklich schön. Drei schöne Badezimmer, ein tolles Wohnzimmer mit Flügel, eine schöne Terrasse, ein schöner Swimmingpool. Sogar die Haushälterin ist schön. Angeblich wird sie jedes halbe Jahr ausgetauscht, damit sie frisch bleibt.

Zuerst waren wir eine Runde Golfspielen und dann war das Arbeitsessen. Walter war bestens gelaunt, weil er ausnahmsweise einmal um zwei Punkte besser war als ich.

Beim Essen haben wir ein ernstes Gespräch geführt. Es geht uns zwar gut, hat Walter gesagt, aber wir müssen sehen, wie es uns noch besser geht. Die Buchungen für die nächste Zeit sind sehr zufriedenstellend, aber für das Fernsehen haben wir noch Termine frei.

Zum Abschied hat mich Walter lange angeschaut. Hansi, du bist ein toller Typ, hat er gesagt. Du bist eine Perle, eine Goldmine. Aber zwei Dinge möchte ich Dir schon sagen.

Nummer eins: Hättest Du nicht Lust, einmal singen zu lernen? Ich habe einen prominenten Gesangslehrer an der Angel, der diskret mit uns üben würde. Überleg Dir das, Hansi, hat Walter gesagt.

Und das zweite, was ich Dir sagen möchte: Was hast Du neuerdings immer mit deinem schön? Das geht mir schön langsam auf die Nerven.

Schön habe ich gesagt, na gut, habe ich mich verbessert, ich werde mir etwas einfallen lassen.

Vergiß nicht, hat Walter hinzugefügt, daß demnächst wieder ein Interviewtraining auf dem Programm steht.

Seine Haushälterin hat uns Kaffee gemacht. Sie ist nicht so alt, wie man sich eine Haushälterin vorstellt. Darum nennt sie Walter auch Hosteß. Sie ist sogar sehr jung. Ich glaube, daß sie die Schule abgebrochen hat. Sie möchte Model werden und heißt Laetitia. Ein schöner Name.

Nein, ich will brav sein. Ein seltener Name.

Für heute ciao, Hansi

12. Mai

Liebes Tagebuch!

Gestern habe ich die erste Gesangsstunde meines Lebens gehabt. Es war ganz einfach, ich habe nicht einmal vorsingen müssen.

Beim Hinfahren hat mir Walter erzählt, daß der Gesangslehrer plötzlich fast keinen Termin mehr für mich frei gehabt hätte. Wir werden das Terminproblem schon lösen, hat Walter gelacht und mit der Kreditkarte gewinkt.

So ist es dann auch gekommen. Herr Mette, der Gesangslehrer, wohnt in einer sehr schönen Vorstadtsiedlung von München, mit ausladendem Garten und einem super Swimmingpool.

Er hat uns in  Filzlatschen die Tür geöffnet. Ich bin mir vorgekommen wie in einem alten Derrickfilm. Der Gesangslehrer hat auch eine Haushälterin, aber eher doch eine richtige. Eine richtig alte.

Walter hat mit Mette das Terminproblem besprochen, Mette hat ihm seine Kontonummer genannt, dann sind wir ins Klavierzimmer gegangen. Da lagen unheimlich viele Noten herum. In der Mitte stand ein Riesenklavier. Auf dem Klavier ist eine Stimmgabel gelegen.

Hey, eine Stimmgabel, das ist gewaltig, habe ich gesagt, sowas habe ich zu Hause auch. Allerdings eine goldene, weil die habe ich als Auszeichnung für meine Lieder bekommen. So habe ich gleich einen Anknüpfungspunkt zum Reden gehabt.

Der Gesangslehrer hat mir dann erklärt, wozu man eine Stimmgabel braucht. Wenn man sie anschlägt, erklingt ein Ton, das A, der sogenannte Kammerton.

Dann ist etwas sehr Witziges passiert. Ich habe mich auf die Couch setzen müssen, Mette hat eine Platte aufgelegt und gesagt, ich soll zuhören.

Es war ein Schlager. Der ging so: Gute Freunde kann niemand trennen/ gute Freunde sind nie allein/ weil sie eines im Leben können/ füreinander da zu sein. /Gute Freunde, gute Freunde, gute Freunde…

Aber das ist doch der Franz Beckenbauer, habe ich gesagt.

Ganz richtig, hat Mette gesagt. Jetzt hör dir dieses Lied einmal an, hat Mette gesagt, und jetzt fällt mir erst ein, daß er mich von Anfang an geduzt hat, so gut haben wir uns gleich verstanden, jetzt hör dir dieses Lied einmal genau an, hat Mette gesagt und die Platte ein zweites Mal gespielt.

Wenn du so singen möchtest wie Franz Beckenbauer, hat Mette gesagt, brauchst du gar nicht zu mir zu kommen. Das ist nämlich eine derart geniale Gesangstechnik, das ist eine Gesangstechnik, die praktisch ohne Gesang auskommt. Dem haben sie das Mikrophon bei der Aufnahme praktisch in den Hals geschoben, das ist sozusagen eine Gesangstechnik für Taucher, man kommt fast ohne Luft aus.

Das ist genau die Technik, die ich nicht unterrichte, hat Mette zu mir gesagt und daß ich mir alles noch einmal genau überlegen soll, er hat von mir noch keine Aufnahme gehört, aber es könnte ja sein, daß ich diese Technik schon beherrsche.

Dann war die Stunde auch schon zu Ende. Walter hat das Finanzielle geregelt, die Haushälterin wollte uns Kaffee servieren. Nein, Danke vielmals, Kaffee haben wir zu Hause auch, hat Walter gesagt. Dann sind wir nach Hause gefahren.

Bis morgen, liebes Tagebuch, Hansi

14.Mai

Liebes Tagebuch!

Gestern habe ich auf dem Golfplatz Franz Beckenbauer getroffen.

Du Franz, weißt du, was mir gestern passiert ist, habe ich gesagt. Und dann habe ich ihm die Geschichte mit der Aufnahme von Gute Freunde und von der genialen Gesangstechnik erzählt.

Aber, das ist doch irre, das gibts doch gar net, hat der Franz gesagt, das ist doch ewig her.

Er hat so lange schon nicht mehr gesungen.

Was du in der Zwischenzeit alles geworden bist, habe ich gesagt, Weltmeister und Deutscher Meister und alles. Was glaubst du, wie du die Leute begeistern könntest, wenn du wieder etwas aufnehmen würdest.

Ich habe tatsächlich versucht, den Franz zu einem Comeback zu überreden. Vielleicht sogar zu einem Comeback mit mir.

Du, demnächst mache ich Aufnahmen in der Karibik, wär das nichts für dich, habe ich den Franz gefragt und versucht ihn zu locken.

Schau mer mal, hat der Franz gesagt. Sonst nichts.

Das für heute. Ciao, Hansi