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Textprobe

Kopfständig

Mit dem nächsten Bus zurück in die Stadt bis  zur entgegenge­setzten Endstation der Linie, dann zurück in die Stadtmitte, eine andere Buslinie nehmen, bis an den Stadtrand fahren (er befindet sich jetzt im Süden), umdrehen, bis ans andere Ende fahren (jetzt in den Norden), einprägen der Haltestellen, hier sind die Straßen nach Dichtern benannt, dort nach toten Politikern, dort nach Vögeln, hier nach Malern. Zurück mit dem Bus in  die Stadtmitte, umsteigen in die U-Bahn.

Jetzt an jeder Station aussteigen: aus dem dunklen Schacht hinauf an die Oberfläche, die Station zu Fuß umkreisen, alles aufnehmen, plötzlich: Leute zählen! Dann wieder: Autos zäh­len!, Schornsteine, Fernsehantennen, Werbetafeln wahrnehmen: Wie oft hängt ein und dieselbe Tafel im Umfeld einer U-Bahn­station? Wieder hinunter zur U-Bahn, zur nächsten Sta­tion, aussteigen, hinauf an die Oberfläche, die Menschen an­schauen: Wer trägt Grün, wer Rot, wer trägt Brille, wer Kopf­tuch? Wie­der hinunter in den Schacht, weiterfahren, nächste Station: Aussteigen, hinaufgehen, umsehen, umhören, umriechen, Wortfet­zen aufschnappen, Bruchstücke einer Unterhaltung erha­schen, Augenblicke festhalten: und weißt du, wie ich ihm dann sage… sie hat ja gemeint, daß…meinst du wirklich, ob ich…wer weiß, wann wir uns…na, ja, gestern hast du doch noch nicht…gehen wir jetzt ins…wenn wir uns das so rich­tig überlegen…wer hat da neulich gemeint, daß es ihm über­haupt noch nie…kennst du dich vielleicht in…und dann hat er pausenlos, pausenlos sage ich dir, hat er pausenlos vor sich hin…also, wenn du dem lange, also furchtbar, echt…

Augenblicke: Der Perser, die junge Frau mit dem Kinderwagen, der Mann mit der Schiebermütze, die Frau im Arbeitskittel, die unvermittelt stehenbleibt, der Brillenträger, der an der Brille rückt, der sonnengebräunte Mann mit dem bis zum Bauch­nabel offenen Hemd, der Mann mit dem Gehstock, der mit den altersfleckigen Händen, der Junge, was hat er in der Hand: Ist das ein Teil einer Fahrradklingel?; der Zeitungsleser, der Taschenbuchleser, der Stadtplanleser, der Fahrplanleser, der In-die-Augenseher, die In-die-Augenseherin, die die Augen Niederschlagende, der mit den Augen Durchbohrende, der aus den Augenwinkeln Beobachtende, die von oben Herabschauende, der aus dem Fenster Herauschauende, die in das Kiosk Hinein­schauende, das groß schauende Kleinkind, der mit zusammen­gekniffenen Augen in die Sonne Schauende, der einer schönen Frau Nachschauende, die die Eistüte Leckende, der an der Wurtsemmel Kauende, der an der Bierflasche Trinkende (der Adamsapfel scheint sich gar nicht zu bewegen), die die weißen Zähne Zeigende, der das Zahnloch Verbergende, die den Kußmund Spitzende, die im Seitenlicht sitzt: wie da die Falten stark hervortreten, der ständig an seinen Barthaaren Zupfende, die mit den brüchigen Fingernägeln, der mit den Fingern Schnip­sende, die etwas zwischen den Fingern Zerreibende, der mit den Fingern in der Nase Bohrende, der Blinde, der Einbeinige, die mit dem Gipsfuß, der mit der Armprothese, die mit dem Brustkorsett, die Vollbusige, die mit dem knappen Shirts, der Dickwanst, die Hochschwangere, die lange Latte, die Flachbrü­stige, der stark Untersetzte, der Zwerg, die Hochgeschossene, der mit den fünfundvierziger Schuhen, die mit den Slippers, der Mann in Frauenkleidern, der mit den abstehenden Ohren, die mit den roten Haaren, der mit dem Irokesenschnitt, der mit der Vollglatze, die mit der Silbermesche, die mit dem Pferdeschwanz, der mit der Schmalzlocke, das Mädchen mit der rosa Masche, der Junge mit der zu großen Kappe, der Eisenbah­ner mit dem Regenschirm, die Hausfrau mit dem Pudel, der Ver­sicherungsagent mit dem Überzieher, die Klofrau mit dem Schlüsselbund, der Landarzt mit der Neuen Revue, die Schau­spielerin mit der Leberkässemmel, der Mönch mit der Sportzei­tung, der Psychotherapeut mit dem Walkman, der Elektriker mit der Spielzeugpuppe, die Schülerin mit der Handkasse, der Gasmann mit der Milchrechnung, der Bankbeamte mit dem Füh­rungszeugnis, der Sportstudent mit der Hegelvorlesung, die Verkäuferin mit der Pillenpackung, der Mörder mit dem Ge­schenkpapier, der Ehebrecher mit dem Riechsalz, die Animier­dame mit dem Kuchenrezept, der Erstklassler mit dem statisti­schen Erhebungsblatt, der Universitätsprofessor mit dem Toto­schein, der Briefträger mit dem Plastiksack, undundund:

Alles sehen, alles aufnehmen, und hinunter zur U-Bahn, weiter zur nächsten Station, hinauf an die Luft: Inzwischen  regnet es: Schirme wahrnehmen, Farben, Formen, Regenmäntel, nasse Köpfe: Hinunter in die U-Bahn: Dampfende Körper sondern Schweiß ab, bilden Lachen auf dem Boden, Nylonjacken reiben sich mit silbernem Geräusch, Nasen laufen, Haare tropfen, Finger fühlen sich nass und kalt an, Schuhe geben quatschende Laute, Regentränen laufen kühle Wangen herab, dort versprüht ein Lockenkopf schüttelnd Wassertropfen:

Hinauf an die Oberfläche, schauen, aufnehmen, hinunter, die nächste Station anfahren, hinauf, es dämmert schon, hinunter, hinauf, Lichter, Nachtnuancen, hinunter, Gähngebärden, Schlafhaltungen, hinauf: Nachtleben, Autogebrüll, Stadtatem: hinunter: bis zur Endstation, umkehren, heim.

Im Bett: im Kopf: alles noch einmal. Jetzt: alles sich ein­prägen, sich merken, erst im Kopf, dann: aufschreiben, nichts vergessen. Nichts vergessen: Namen zu den Köpfen, Gesichtern, Augen.

Aus: Alles