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Bücher LiebesKind

Es geht uns gut. Wir sind eine angesehene Familie. Eine Freude für die ganze Stadt. Das steht häufig in der Zeitung. Am Sonntag gehen wir gemeinsam in die Kirche. Die Eltern wählen sozialistisch. Der Bürgermeister ist ein gern gesehener Gast im Haus. Im Freibad und auf dem Fußballplatz haben wir freien Eintritt.

Wenn wir einem Erwachsenen begegnen, grüßen wir freundlich. Wir haben Respekt vor Respektspersonen, wie dem Herrn Pfarrer, dem Schuldirektor und dem Zahnarzt. Wir haben Respekt vor alten Menschen, Kranken und Behinderten. Wir haben Respekt vor Menschen, die alleine sind. Wir haben Respekt vor allen, die keine Eltern mehr haben. Wir haben Respekt vor uns selbst.

Wir haben Respekt vor der Fürsorgerin, unseren Eltern und vor unserem Körper. Wir folgen. Wir sind pünktlich. Wir sind aufmerksam. Uns entgeht kein Geburtstag. Der Muttertag ist ein hoher Festtag. Der Advent wird feierlich begangen. Weihnachten ist das schönste Fest im Jahr.

Wir legen die Füße nicht auf den Tisch. Wir waschen auch die Stellen zwischen den Zehen. Wir reden nicht schlecht über andere. Wir tragen Probleme nicht außer Haus. Wir kehren vor der eigenen Tür. Wir bemühen uns, tüchtige Menschen zu werden. Wer anständig lernt, bringt es auch zu etwas. Ein ordentlicher Beruf ist viel wert. Geld macht nicht glücklich.

Wir reden, wenn wir gefragt werden.

Wir haben alles, was wir brauchen. Wir können uns bescheiden. Wir essen, was auf den Tisch kommt. Die Hausarbeit wird gemeinsam erledigt. Jeder steht an seinem Platz. Wir machen die Schulaufgaben zeitgerecht. Wir halten nach dem Lichtabdrehen den Mund. Wir putzen zweimal täglich die Zähne. Wir duschen einmal die Woche. Wir vermeiden unkeusche Gedanken. Wir beten vor dem Essen und dem Zubettgehen. Wir singen gern ein frohes Lied. Wo man singt, da laß dich ruhig nieder. Wir stellen unser Schicksal nicht zur Schau. Über Geschenke freuen wir uns still.

Wir sind das Kinderdorf. Wir halten zusammen. Wir hadern nicht mit dem Schicksal und nehmen das Leben, wie es kommt. Wir denken auch später gern an die Kinderzeit zurück.

Es geht uns nicht schlecht. Wir sind aus dem Schlimmsten heraus. Wir werden nicht übermütig. Es geht uns gut.(…)

Manchmal überlege ich, wie es wäre, in einer richtigen Familie zu leben, mit Eltern, die die wirklichen Eltern sind, Geschwistern, die richtige Geschwister sind und nicht ein Haufen, der vom Zufall zusammengewürfelt wurde.

Ich stelle mir vor, wie ich mit einer richtigen Mutter sprechen würde. Einer, die mich nicht zweitrangig behandelt wie meine vorgesetzte Mutter, die ihre Tochter Gerda bevorzugt, die ihren Pflegesohn Werner anhimmelt, weil dieser die Intelligenz gepachtet zu haben scheint.

Eine richtige Mutter hört dir zu und horcht dich nicht aus, sie versteht dich und zerrt dich nicht an den Haaren über den Fußboden, sie steht zu dir, auch wenn in der Schule nicht alles klappt, sie sperrt dich nicht in den Keller, sondern kennt eine Gnade. Und sie weiß, was Gerechtigkeit ist.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, mit einem richtigen Vater etwas zu unternehmen. Zum Beispiel auf die Jagd zu gehen oder auf den Sportplatz. Der Vater ist ein angesehener Mann, den die Leute ehrfürchtig behandeln und freundlich grüßen.

Ich habe Vati gern, aber ich schäme mich, wenn Mutti mich zum Ostler schickt, damit ich ihn überrede, daß er nach Hause kommt. Vater sitzt mit glasigen Augen am Stammtisch. Alle schauen groß, wenn du kommst, und warten nur darauf, daß du etwas Falsches sagst, damit sie dich aufziehen und necken können. Es ist ein Spießrutenlauf. Ich wäre schon zufrieden, würde Vati nicht so viel trinken, dann könnte ich auch am Nachmittag einmal etwas mit ihm anfangen. So bleibt nur die Zeit am Morgen, wenn wir gemeinsam in der Küche sitzen, wo er mir aus seiner Kinderzeit erzählt, von Streichen, die er ausgeheckt hat und von Erlebnissen im Krieg.

Ein richtiger Vater würde mir vielleicht auch beibringen, Maschinen zu reparieren und Möbel zu tischlern, Fallen zu bauen und wie man ein Auto fährt. Das gibt es, ich weiß es von Klassenkameraden, die wie ich auch erst zwölf Jahre alt sind.

So hören wir immer nur, seid froh, daß ihr bei uns seid. Wenn Mutti schlecht aufgelegt ist, wirft sie uns gern an den Kopf, daß wir nichts sind, weil ein Mensch ohne Eltern nichts ist. Und daß sie uns, das undankbare Pack, nicht verdient hat.

In ihrer Gegenwart von den richtigen Eltern zu reden ist nicht angebracht. Wir reden darüber, wenn wir unter uns sind.

Als Roswitha vor zwei Jahren vierzehn Jahre alt geworden ist, sind eines Tages am Waldrand plötzlich ein Mann und eine Frau aufgetaucht, die sich nach ihr erkundigt haben. Sie haben Roswithas genauen Namen gewußt und ihr Geburtsdatum, ohne daß sie jemals vorher in unserem Haus gewesen wären.

Roswitha ist heimlich zum Waldrand hinaufgegangen und hat mit den Leuten gesprochen. Die fremde Frau hat behauptet, Roswithas Mutter zu sein.

Sie haben sich nicht ins Haus heruntergetraut, weil Mutti daheim war. Roswitha bekam einige Tafeln Schokolade geschenkt für ihre kleinen Geschwister, das heißt für Margit und für mich, die sie uns später überreicht hat. Es war das erste Mal, daß ich etwas über meine richtige Mutter gehört habe. Ich war total stolz darauf, daß sich meine Eltern gemeldet haben, ich habe die Schokolade verwahrt wie einen Schatz und tagelang aufbewahrt, ehe ich sie langsam, Rippe für Rippe, verspeiste, ganz für mich allein.

Zu Gesicht bekommen habe ich die Mutter nicht. Roswitha konnte nicht sicher sagen, ob der Mann, der unsere Mutter begleitet hat, unser Vater gewesen ist, aber die Frau sei bestimmt unsere Mutter gewesen.

Sie hat sie uns beschrieben als liebe, freundliche  Frau mit ganz normalem Aussehen. Sie sei kein bißchen böse gewesen, wie Mutti immer behauptet hat.

In Gedanken habe ich später immer wieder mit meiner Mutter gesprochen. Ich habe gefragt, warum es nicht möglich sei, mit ihr zusammenzuleben wie in einer richtigen Familie, sie hat gelächelt und gesagt, daß alles einmal gut wird. Sie hat versprochen, wiederzukommen .

Als Mutti von Roswitha erfuhr, was sich am Waldrand abgespielt hat, hat sie keinen Moment daran gezweifelt, daß es sich bei der fremden Frau tatsächlich um unsere Mutter gehandelt hat.

Sie hat allerdings auch sofort gesagt, was von dem Besuch zu halten ist. Sie hat gemeint, daß unsere Mutter aus reiner Geldgier zu uns gekommen sei, daß sie sich nur vergewissern wollte, ob Roswitha die Lehre als Verkäuferin beginnen und damit eigenes Geld verdienen werde. In diesem Fall nämlich brauche sie nicht mehr weiter Unterhalt für ihre Tochter zu zahlen. Der Besuch der Mutter habe also nur aus egoistischen Gründen stattgefunden, hat Mutti gemeint und daß wir uns nicht von solchen Aktionen täuschen lassen sollten.

Ich habe keinem Menschen erzählt, daß ich regelmäßig mit meiner richtigen Mutter lange Gespräche führe, bei denen mir zugehört wird und ich nicht beschimpft oder eines Vergehens beschuldigt werde.(…)

Epilog

Dreißig Jahre später beginne ich zu suchen.

Ich krame in Läden, schnüre in vergilbten Briefen und Jahresberichten und blättere in Fotoalben.

Betreibe Ursachenforschung, meiner Kindheit auf der Spur.

Was erzählt ein von Motten zerfressener Rucksack, was ein Akkordeon, das sein Leben längst ausgehaucht hat?

Plötzlich möchte ich wissen: Wie ist es gewesen, warum ist es so gekommen, wie war mein Anfang, welcher war mein Grund?

Ich grabe, durchkämme, blättere auf, schlage nach, mache ausfindig: Zerfasernde Dokumente, wertlos gewordene Zeugnisse, abgeschabte Hemdenknöpfe, achtlos weggelegte Souvenirs.

Dreißig Jahre später stelle ich alte Kisten mit Papier und Kleinkram auf den Kopf, stöbere ich nach dem Haustorschlüssel, den ich damals vergessen hatte abzugeben.

Der Schlüssel zu meiner Kindheit bleibt verschwunden, hat sich aus meinem Leben weggespielt.

Dreißig Jahre später steige ich ins Auto und fahre zurück in das Tal, das ich einst per Bahn verlassen habe. Beginne von vorn. Schauen, hören, riechen.

Zu Fuß gehe ich vom Stadtplatz weg den Hang bis zum Waldrand hinauf, wo die vier Häuser des Kinderdorfes stehen.

Der Rathausturm, die Kirche, der Sarkophag des Heiligen Donatus, die alte Volksschule, das Burgtor, vier Häuser am Waldrand: Wenn Gebäude reden könnten, würden sie mich grüßen.

Ich spaziere den Waldweg entlang, vorbei am Kreuzweg, ich gehe bis zur hölzernen Sprungschanze, bis zum Graben gehe ich. Nichts hat sich verändert. Alles hat sich verändert.

Dreißig Jahre später stehe ich vor der Tür, über deren Schwelle ich fast fünfzehn Jahre lang gegangen bin.

Minuten stehe ich vor dem Haus, in dessen Keller ich mir eine Bleibe eingerichtet hatte, wo ich heimlich Tagebuch geschrieben, Marillenmarmelade gelöffelt, stundenlang alleine geübt hatte. Ich wage es nicht, anzuklopfen.

Fremde wohnen heute in dem Haus, sie haben es sich heimisch gemacht, ich selbst bin ein Fremder geworden, kein Mensch würde mich wiedererkennen.

Viele, die mir damals begegnet sind, sind tot, ausgeschieden.

Mutti, Vati: Tot. Meine richtige Mutter: Verstorben. Tot auch: Pfarrer, Bürgermeister, Lehrer. Die Milchberta, der Sendelsburner, der Tschick: Tot. Der Arzt und seine Frau: Tot. Auf dem Friedhof entdecke ich die Steine mit ihren Namen.

Die Geschwister haben sich in alle Richtungen zerstreut. Aus den Augen verloren. Der Kontakt abgerissen. Nur mit Margits Familie treffe ich manchmal zusammen.

Von den Nachbarkindern habe ich jahrzehntelang nichts mehr gehört: Howard, Sabine, Hubert. Ich weiß nicht, was aus ihnen geworden ist. Verblichen ihre Gesichter, ihre Gesten verwischt, ihre Stimmen verstummt.

Viele Namen habe ich vergessen.

Manchmal, in wirren Träumen, weht mich eine vertraute Stimme an, lächelt mir ein liebes Gesicht zu, drückt mir jemand zärtlich die Hand.

Die Vergangenheit ist nicht mehr auffindbar, was bleibt sind Spuren, Türklinken, geheimnisvolle Einkerbungen in Baumrinden, die ich nicht mehr deuten kann.

Unverrichter Dinge fahre ich nach Hause zurück.

Ich habe nicht angeklopft, mich nicht vorgestellt, mich nicht fremden Kindern erklärt.

Einmal war ich da zu Hause. Hier habe ich gelacht, gesungen, hier habe ich vor Wut und Enttäuschung geweint.

Vorbei. Dreißig Jahre sind vergangen.

Ich habe den Lokalaugenschein abgebrochen. Es gibt nichts mehr zu sehen.

Irgendwo in meinem Kopf liegt, was früher gewesen ist. Dreißig Jahre später krame ich in meinem Gedächtnis, stöbere ich in meinem Hirn: Erinnern.

Bruchstücke finde ich vor, Fetzen von gestern, Scherben, Geröll, Satzteile.

Ich finde auf, füge zusammen, lasse weg. Kleistere eine neue, vergangene Kindheit, kitte eine Geschichte zusammen aus Lügen, aus Wahrheit, aus Mutmaßungen, aus nachgetragener Bedeutung.

Wider besseren Wissens behaupte ich Kindheit. Ich nenne Namen, memoriere Orte, rieche Gerüche, schmecke Speisen, spüre Schläge. Noch einmal.

Nichts in meinem Kopf ist heute so, wie es damals wirklich gewesen ist. Ich spucke meine Erinnerung als etwas Neues aus.

Die Kindheit ist eine Erfindung des Kopfes.

In Wahrheit ist alles ganz anders gewesen.