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Textprobe

Die Töpfe von Brüssel

Sagen Sie ja und ich sage Ihnen, dass Sie ein Bedürfnis haben, von dem Sie bisher keine Ahnung hatten.
Dichter sind unheimlich sensible Menschen, das kann man sich normalerweise überhaupt nicht vorstellen. Ihre Inspiration springt nur unter besonderen Bedingungen an. Im sogenannten Kreativitätszeitfenster. Ich bin nur Schriftsteller, aber ich verfüge über ein derart kleines Kreativitätszeitfenster, dass man meinen könnte, ich wäre ein Dichter. Meine Inspiration ist am besten zwischen 9.30 und 10. 30 am Vormittag abrufbar. Keine Ahnung, was sie sonst macht. Schläft sie, ist sie auf Urlaub oder was, sie ist auf jeden Fall die längste Zeit abwesend. Eine komplizierte Sache.

An einem Montagvormittag sitze ich am Schreibtisch, meine Gehirnzellen nehmen Fahrt auf, ich denke mir schon: Hallo, jetzt schießt mir die Inspiration ein. Plötzlich läutet das Telefon. Es ist 9 Uhr 31. Am anderen Ende der Leitung ist der Keiler einer Telefongesellschaft.

Ich fühle mich wie ein 100-Meter-Sprinter, dem sich bei Vollgas ein Schranken in den Weg stellt. Das tut weh. Der Anrufer, selbstbewusst, adrett, die Stimme sitzt, hat von meiner mentalen Befindlichkeit natürlich keine Ahnung. Er legt gleich los: Am Samstag habe sein Kollege schon einmal bei mir angerufen. Am Samstag hat niemand bei mir angerufen, sage ich, da war ich gar nicht im Büro. Der junge Mann lässt nicht locker. Ich hätte ja sicher schon von einem Breitbandanschluss gehört. Bevor ich ja sage, denke ich: Halt. Das ist ein NLP – Anbahnungsgespräch. Zuerst werden Fragen gestellt, die ich gar nicht anders als mit Ja beantworten kann. Wenn ich dreimal hintereinander ja sage, bin ich weichgekocht. Dann bin ich völlig willenlos und lasse mir alles mögliche verkaufen.

Ich drehe den Spieß um und beginne selber zu fragen: Haben sie etwas zum Schreiben zur Hand? Der Mann am anderen Ende der Leitung bejaht. Schreiben Sie bitte mit, sage ich und diktiere den Satz: Der Kunde, den ich eben anrufe, fühlt sich von mir telefonisch belästigt, auch wenn er meine Arbeitssituation versteht. Haben Sie den Satz verstanden, frage ich (2. Ja-Frage). Der Anrufer bejaht. Haben Sie mitgeschrieben?, frage ich. (3. Ja-Frage) Jetzt könnte ich ihm irgend etwas andrehen. Ein Dauerabonnement auf meine Bücher, eine Isomatte, eine aufblasbare Puppe, egal. Er würde nur mehr ja sagen. Ich habe aber keine Lust dazu. Rasch ist das Gespräch zu Ende. Die Schranken sind herunter gegangen. Bei ihm und bei mir.

Nachher sitze ich am Schreibtisch und habe ein schlechtes Gewissen. Du warst ein wenig grob zu dem jungen Mann. Der macht auch nur seine Arbeit. Er kann doch nichts dafür, denke ich. Ich sitze da und ärgere mich. Mein Kreativitätszeitfenster ist vorbeizogen und hat sich wieder geschlossen. Von Inspiration keine Spur mehr. Super.

Hoch das Marketing am Telefon! Aber bitte nicht bei mir. Vor allem nicht am Vormittag.