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Vom Treten in der Mühle

Wissenschaftliche Beiträge

In: Die Presse Spectrum (Wien) 26. Juli 2003. [Zum 100. Geburtstag von Victor Urbancic]
Zum 100. Geburtstag des Musikers Victor UrbancicAm 9. August 2003 jährt sich der Geburtstag des österreichischen Dirigenten, Komponisten, Pianisten, Organisten, und Musikwissenschafters Victor Urbancic zum hundertsten Mal. Bedingt durch die politischen Verhältnisse war Urbancic 1938 gezwungen, Österreich zu verlassen. Sein Name ist in der österreichischen Musikgeschichte beinahe vergessen, sein Lebensschicksal, wie im Fall vieler Emigranten, einer breiteren Öffentlichkeit unbekannt. Ungewöhnlich ist die Wahl des Exillandes: Island. Hier ist, kurz gefaßt, seine Lebensgeschichte.

April 1938: Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich kommt es am Konservatorium des Musikvereins für Steiermark in Graz zu folgenreichen personellen Veränderungen. Jahrelang und nahezu perfekt getarnt hatten dort mehrere Lehrende das Grazer Konservatorium als Arbeitsbasis ihrer illegalen nationalsozialistischen Betätigung genutzt. Mit der Machtergreifung hat alle Tarnung ein Ende. Dem fachlich hoch geschätzten stellvertretenden Direktor des Konservatoriums, Dr. Victor von Urbantschitsch, wird mitgeteilt, daß eine weitere Beschäftigung aus politischen Gründen nicht mehr tragbar ist: Seine Frau ist Jüdin. Urbantschitsch ist gezwungen, mit seiner Frau und drei kleinen Kindern das Land zu verlassen. Versuche, Stellen in den USA oder in der Schweiz zu finden, schlagen fehl. Schließlich ergibt sich die Möglichkeit eines Stellentausches mit dem ehemaligen Studienkollegen Franz Mixa. Mixa war 1929 nach Island eingeladen worden, um dort die musikalische Leitung bei den Feierlichkeiten zur Althingfeier 1930 zu übernehmen und war dann in Reykjavík geblieben. (Eile ist geboten, die Situation für die Familie ist bereits prekär geworden.) In aller Stille und vor nur zwei zufällig anwesenden Zeugen heiratet Dr. Melitta Grünbaum, die am gleichen Tag in die katholische Kirche übertritt, ihren Mann, mit dem sie standesamtlich schon seit einigen Jahren verheiratet ist. Urbancic will vorerst alleine nach Island reisen, um die Lage zu sondieren, eine Wohnung zu suchen und die Familie später nachholen. Am 22. August 1938 kommt Urbancic per Schiff in Island an. Was er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen kann: Er wird beruflich nicht mehr nach Österreich zurückkehren. Mit der Emigration auf die Insel im Nordatlantik wird eine überaus erfolgreiche Karriere jäh unterbrochen.

Victor von Urbantschitsch (in Island benutzte er wieder die slowenische Schreibweise Urbancic) wurde am 9. August 1903 als Sohn einer angesehenen Wiener Arztfamilie geboren. Die Familie stammte ursprünglich aus Preddvor (Höflein) in Slowenien, lebte aber schon seit zwei Generationen in Wien. Der Großvater Victor Urbantschitsch (1847 – 1921) gilt als Mitbegründer der modernen Ohrenheilkunde. (Auf ihn geht übrigens die sogenannte “Urbantschitsche Methode“ zurück, die von Thomas Bernhard im Roman “Das Kalkwerk“ zitiert wird.) Im Elternhaus erfuhr Victor Urbancic seine erste musikalische Prägung. Früh lernte er Klavier und Orgel und unternahm erste kompositorische Versuche. Bereits mit zweiundzwanzig Jahren promovierte er bei Guido Adler an der Universität Wien im Fach Musikwissenschaft über die Sonatenform im Werk von Johannes Brahms. Mehrere Jahre lang war Urbancic Student der Klavierklasse von Dr. Paul Weingarten, das Kompositionsstudium absolvierte er bei Josef Marx, die Dirigierausbildung bei Dirk Fock und Klemens Krauss an der Hochschule für Musik in Wien, wo er 1926 mit dem Diplom abschloß. Noch während seines Studiums arbeitete Urbancic unter anderem als Kapellmeister am damals von Max Reinhardt gerade neugeordneten Theater an der Josefstadt. 1926 folgte das erste Auslandsengagement am Stadttheater Mainz als Solorepetitor und Operettenkapellmeister. 1932 holte ihn der Opernkomponist Hans Gál als Lehrer für Klavier, Theorie und der Kapellmeisterschule an die städtische Musikhochschule in Mainz. Die rasant angelaufene Karriere, die auch von vielen erfolgreichen Konzerten als Pianist, Begleiter und Dirigent geprägt war, fand 1933 mit der Machtergreifung Hitlers in Deutschland eine jähe Unterbrechung. Urbancic kehrte nach Wien zurück.

Zu diesem Zeitpunkt war er bereits mit der Dr. Melitta Grünbaum verheiratet. Melitta Grünbaum hatte Philosophie studiert und war auch als Schauspielerin und als Lyrikerin hervorgetreten. Das Paar hatte ingesamt vier Kinder, von denen die jüngste Tochter erst nach dem Krieg in Island zur Welt kam. Urbancic nützte die Zeit, um die Staatsprüfung für Klavier abzulegen und begann außerdem ein neues Studium: Orgel im Konzertfach. Nach einem Gastdirigat am Nationaltheater in Belgrad wurde er schließlich 1934 von Hermann von Schmeidel als Lehrer für Theorie, Klavier und Korrepetition an das Konservatorium nach Graz geholt, wo er bald mit der Funktion des stellvertretenden Direktors betraut wurde. (Hier konnte Urbancic seine Fähigkeiten in vielfachen Funktionen unter Beweis stellen.)

Zu Klavier, Musiktheorie, Komposition und der Leitung der Abteilung für Dramatische Kunst kamen nun der Orgelunterricht sowie der Unterricht in der Kapellmeisterschule. Nebenbei war Urbancic auch an der Universität Graz als Lektor für Musikwissenschaft tätig. Ein beeindruckendes Arbeitsprogramm, das von zahlreichen Konzertverpflichtungen als Organist, als Pianist, als Dirigent und als Vortragender ergänzt wurde. So war Urbancic 1937 Mitwirkender bei Aufführungen von Bachs Weihnachtsoratorium sowie der Johannespassion, eine Erfahrung, die für seine späteren Aufgaben in Island bedeutsam werden sollte. Im Frühjahr 1938 war dann kein Platz mehr für ihn. Doch davon war schon eingangs die Rede.

Schon einen Monat später, im September 1938, folgte ihm die Familie in einer dramatischen Flucht nach Island: Die Situation in Graz war für seine Frau zu gefährlich geworden. Herausgerissen aus der vitalen Muskszene Mitteleurpas fand sich Urbancic nun in der Rolle eines Pioniers wieder. In Island gab es Ende der 30er Jahre kein Berufsorchester, kein Musiktheater, kaum Aktivitäten im Bereich der Chormusik außerhalb der Kirchen, wenig Möglichkeiten zum Üben und nur ein eingeschränktes Raumangebot für Konzertaufführungen. Außerdem war es während der Kriegsjahre sehr mühevoll, an gedrucktes Notenmaterial zu kommen, weshalb den Dirigenten und Arrangeuren oft nichts anderes übrig blieb, als Orchesterstimmen von Hand zu kopieren oder gar fehlende Stimmen von Grammophonplatten abzuschreiben. Urbancic unterrichtete die Theoriefächer, Klavier, Komposition und Musikgeschichte und war ehrenamtlich als Organist und Chorleiter der kleinen katholischen Gemeinde in Reykjavík tätig.  Nach seinen Plänen wurde dort 1950 die erste mechanische Orgel auf Island erbaut. Zu seinen Schülern und Studenten zählt praktisch eine ganze Generation von isländischen Komponisten, die ab den späten dreißiger bis in die fünfziger Jahre mit dem Kompositionsstudium begann und teilweise bis in die Gegenwart wirkt: Dazu gehören etwa Jón Nordal, Jón Ásgeirsson, Komponist der ersten von einem Isländer geschrieben Oper (Þrymskviða,1974), Karl O. Runólfsson, Jón Þórarinsson, der später an der Yale Universität Assistent bei Paul Hindemith wurde sowie Gunnar Reynir Sveinsson. Innerhalb weniger Jahre gelang es Urbancic, sich als wichtige und unverzichtbare Stütze im isländischen Musikleben zu etablieren. Vor allem leistete er wirkliche Basis- und Aufbauarbeit, bereiste auf damals schlechten Straßen die Insel, besuchte Musiker, Chorleute, Organisten, Musiklehrer und -interessierte draußen auf dem Land und in den kleinen Fjordstädten, und versuchte sie mit Ratschlägen, Kursen und Notenmaterial nach Kräften zu unterstützen. Urbancics Menschenfreundlichkeit, seine Geduld und sein großes pädagogisches Geschick gelten auf der Insel mehr als vierzig Jahre nach seinem Tod als legendär und werden von allen seinen ehemaligen Studenten und Schülern ausnahmslos hervorgehoben. Seine Fähigkeit, auf Menschen zuzugehen, seine stupende Musikalität, seine Sprachbegabung – neben Deutsch, Englisch, Französisch und Serbokroatisch eignete sich Urbancic  in kurzer Zeit die Grundbegriffe der grammatikalisch überaus schwierigen isländischen Sprache an – und seine Bescheidenheit machten ihn schnell zu einem überaus beliebten Menschen und Lehrer.

Besondere Verdienste erwarb sich Urbancic als Chorleiter. Erst unter seiner Leitung und mit der Gründung des philharmonischen Chores Reykjavík hatte sich erstmals ein gemischter Chor etabliert. Von Beginn der frühen vierziger Jahre an standen nun jährlich ein oder zwei große Werke der Chorliteratur, Oratorien oder Messen wie z.B. Händels Messias oder das Mozartrequiem auf dem Programm. Man kann diese kulturelle Leistung nur hoch genug einschätzen, wenn man bedenkt, daß praktisch jede dieser Aufführungen eine isländische Erstaufführung war. Als bedeutendstes und sicherlich ehrgeizigstes Projekt mag aber die Aufführung des Johannesoratoriums von Bach in isländischer Sprache im Jahr 1943 gelten. Als Textunterlegung der Choräle verwendete Urbancic Passionsgedichte des isländischen Priesters und Dichters Hallgrímur Pétursson aus dem 17. Jahrhundert, Gedichte, die zum kulturellen Erbe Islands gehören und seit dem Mittelalter in unzähligen Ausgaben publiziert wurden. Welche einmalige Leistung ihm mit der Johannespassion gelungen ist, mag man daraus ersehen, daß seither nie mehr eine ganze Passion auf Isländisch aufgeführt wurde. Für diese Aufführung wurde Victor Urbancic 1944 mit dem Ritterkreuz des isländischen Falkenordens ausgezeichnet.

Mit Fortdauer des Krieges war der Familie klar geworden, daß man sich auf einen  längeren Aufenthalt in Island einzustellen hatte. Dr. Melitta Urbancic unterstützte ihren Mann nach Kräften, war aber auch selbst als Sprachlehrerin aktiv und begann als Bildhauerin zu modellieren; Arbeiten von ihr stehen noch heute in einigen öffentlichen Gebäuden von Reykjavík. (Über Jahrzehnte hielt sie Kontakt mit ihrer in Wien lebenden Jugendfreundin, der Schriftstellerin Erika Mitterer.) Trotz intensiver Bemühungen war es ihr nicht gelungen, ihrer in Wien zurückgebliebenen Mutter die Ausreise nach Island zu ermöglichen; diese starb 1943 in Theresienstadt.

1949, elf Jahre nach seiner Ankunft in Island, wurde Victor Urbancic schließlich isländischer Staatbürger. In der Zwischenzeit begannen sich erste Konflikte abzuzeichnen. Urbancics Erfolge riefen in der kleinen musikalischen Szene Islands (zu der sich nach dem Nachkriegszeit übrigens auch mehrere Musiker aus der Steiermark gesellten) immer öfter Neider auf den Plan. Einer dieser Konflikte hat gar als „Musikkrieg am Nationaltheater“ in den Zeitungen der Insel Niederschlag gefunden.

Bis zu seinem frühen Tod 1958 dirigierte Urbancic als musikalischer Leiter am neugegründeten isländischen Nationaltheater Opern, Operetten und Schauspielmusiken. Unter anderem leitete er Verdis ”Rigoletto” (1951), die ersten Opernaufführung auf Island, die bis auf die österreichische Sopranistin Else Mühl ausschließlich mit isländischen Sängern besetzt war. Mehrmals stand er auch bei großen Orchesterkonzerten am Pult des 1950 gegründeten Isländischen Symphionieorchesters.

1958 (reiste Urbancic als Fulbright-Stpiendiat nach Amerika, wo er den jungen Lenny Bernstein bei der Arbeit beobachten konnte. Wenige Tage nach seiner Rückkehr) erlitt er einen Schlaganfall. Ein Krankentransport, der ihn nach Wien bringen sollte,  wurde organisiert. Urbancic befand sich bereits auf dem Flughafen in Reykjavík, als mitgeteilt wurde, daß der Flug verschoben werden müsse. Urbancic blieb in Island und starb, erst 54 Jahre alt, am Karfreitag, dem 4. April 1958 und wurde auf dem alten Friedhof in Reykjavík, unweit des Stadtteichs Tjörnin, begraben. (Sein Grab ziert das Modell einer Orgel aus Basaltsteinen, das seine Frau Melitta angefertigt hat.) Bei einer Gedenkfeier für Victor Urbancic hielt Jón Leifs, bekanntester isländischer Komponist des 20. Jahrhunderts, eine Rede, in  der er die Arbeit Urbancic würdigte, die sich auch als  Anklage an die musikalische Szene Islands lesen läßt. Leifs sagte damals: ” „Man muß sagen, daß die Ursache für seinen Tod in der Überanstrengung wegen der Schwierigkeiten in unserem immer noch wenig entwickelten Musikkulturleben liegt.(…) Wenn die Umwelt zu viele Anforderungen stellt und man die Mühle tritt ohne ein Ende abzusehen – dann geht man kaputt.”

Erst in den letzten Jahren kam es durch die Arbeit einiger junger Musikwissenschafter und Musiker zu einer kleinen Renaissance im Andenken an das Werk Urbancic. Kompositionen wurden wiederaufgeführt, die Fantasiesonate in h-moll op. 4 von 1924 für Klarinette und Klavier auf Tonträger aufgenommen und erst 1996 erlebte die Kantate ”Óður Skálholts”, (die Victor Urbancic 1956 zur Feier des 900. Jubiläums der Bischofsweihe des ersten Isländers in Skálholt im Süden der Insel geschrieben hatte, die aber nicht gespielt worden war,) ihre Uraufführung. Nur wenige Tondokumente von Aufnahmen Victor Urbancic´ sind erhalten. Die meisten Bänder, die Urbancic für den isländischen Rundfunk produziert hatte, wurden in Unkenntnis ihres historischen Wertes überspielt, verschlampt oder schlicht und einfach weggeworfen.

Wie sehr Victor Urbancic sich mit Österreich weiterhin verbunden fühlte, mag ein Detail verdeutlichen: Am 15. Mai 1955, dem Tag, an dem in Österreich die Erlangung der Souveränität durch den Staatsvertrag gefeiert wurde, organisierte er in Reykjavík ein Konzert des Chores des Nationaltheater, bei dem ausschließlich Kompositionen österreichischer Komponisten auf dem Programm standen. Mit diesem Konzert erwies er seinem Geburtsland, das er siebzehn Jahre vorher verlassen mußte und dessen politische Entwicklung mit dem Anschluß an Nazideutschland so schicksalhaft in seine persönliche Lebensgeschichte und die seiner Familie eingegriffen hat, aus der Ferne seine Referenz. Im September diesen Jahres wird, organisiert von der Musikerin Sibyl Urbancic, der in Wien lebenden Tochter und Nachlaßverwalterin, eine Gedenkveranstaltung für Victor Urbancic stattfinden. Dort, wo der Name Urbancic heute noch einen klingenden Namen hat und wo er begraben ist: auf Island.