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Wollt, daß ich daheim wär.

Texte in Anthologien und Zeitschriften

In. LiteraTour. Skriptum 12. Welser Anthologie 20002, S. 24 – 29.

WOLLT, DASS ICH DAHEIM WÄR (2002)

1

Identität

Das ist meine Geburtsurkunde

Das ist mein Taufschein

Das ist mein erstes Zeugnis

Das ist meine Impfkarte

Das ist mein Schülerausweis

Das ist mein Pass

Das ist mein Führerschein

Das ist mein Maturazeugnis

Das ist mein Meldezettel

Das ist meine Sponsionsurkunde

Das ist meine Steuernummer

Das ist meine Vorteilscard

Wer ist der Mann im Spiegel?

2

Wurding

Ein Gemeindeamt. Früher. Jetzt: Ein Kommunalzentrum.

Ein Postamt. Früher. Jetzt: Ein Post-Logistikzentrum.

Eine Kirche. Noch.

Ein Kindergarten. Noch.

Eine Haltestelle. Noch.

Eine Schule. Eine Raifeissenkasse. Ein paar Gasthäuser. Ein Billa. Ein Spar. Ein Hofer. Ein Vögele. Eine Tankstelle. Ein Autoparadies. Ein Gewerbepark. Ein Sportpark. Ein Tierpark.

Ein Bezirksseniorenheim. Ein Rot-Kreuz-Zentrum. Zwei Arztpraxen. Ein Zahnarzt.

Ein täglicher Stau auf der Bundesstraße.

Hier bin ich gemeldet. Da bin ich zu Hause.

Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich daheim bin. Anlass dafür: Das Lachen meines Sohnes, die Musik von Johann Sebastian Bach, mein Schreibtisch, ein paar Bücher, die Klausur in Ebensee. Wenn ich am Klavier sitze. Freunde. Gesichter. Die Erinnerung daran, als ich Kind war. Wenn ich verreise und  fremde Sprachen höre.

(Das heißt nicht, dass ich eine Ahnung hätte, wo ich daheim bin.

3

Sprachtest für den zugewanderten Wurdinger

Übungssätze aus den Wurdinger Gemeindenachrichten

Der Wurdinger entfaltet die Wurdinger Jugendfreundlichkeit.

Der Wurdinger glänzt durch Menschlichkeit.

Dem Wurdinger ist Wurding ein anderes Wort für Sicherheit.

Der Wurdinger lebt in hoher Lebensqualität.

Der Wurdinger denkt an die Zukunft.

Der Wurdinger genießt die intakte Natur.

Der Wurdinger liebt die Innovation.

Der Wurdinger treibt Sport unter Gleichgesinnten.

Der Wurdinger altert in Würde.

Der Bürgermeister kramt einmal mehr in seiner Sprichwörterkiste.

Der Arbeitsplatz der Zukunft soll in nicht einmal drei Jahren Realität sein.

Wurding hat einen innovativen Akt mit Vorzeigecharakter gesetzt, die Grundbedürfnisse und das Rundherum stimmen.

Die Spatenstichfeier findet am siebten Juni statt.

Gemeinsam mit der erfahrenen Stillberaterin unterhalten wir uns über verschiedene Themen.

Alternativprogramm bei Regen: Playbackshow und Tombola im Festzelt, Filmvorführung und Spielstationen im Haus.

K wie Kunst und K wie Kultur ist K wie Kreativität.

Das Foto zeigt unser TIPI aus Weidenzweigen mit unseren Indianern.

Dem bewährten Team unter der Leitung der langjährigen Obfrau des Elternvereins ist es wiederum gelungen, das vorjährige Ergebnis zu übertreffen.

Nützen Sie Börsenschwankungen zu Ihrem Vorteil – KEPLER Fonds – die kalkulierbare Zukunft.

Am Freitag & Samstag Spezialitäten vom Holzkohlengrill (Souvlaki, Lammkotelette, Cevapcici, Steaks, hausgemachter Sangria uvm.) mit einem hochkarätigen Rahmenprogramm.

Pflege und Betreuung zu Hause hat Zukunft.

Die Marschmusik ist für jeden Musikverein eine besondere Herausforderung, da neben dem musikalischen Können auch das optische Auftreten bewertet wird.

Unser Tennisplatz ist für alle da, ob in einem Verein oder ohne.

Es besteht die Möglichkeit, nach dem Vortrag einige Gläser Karpatensalz zu erwerben.

Kinder können sich als ihr Lieblingstier schminken lassen.

Frühschoppen mit dem Musikverein und dem Humoristen Discobauer Wolfgang. Hubschrauberrundflüge.

Alle Veranstaltungen sind kostenlos.

4

Die Wurdinger

Eine grundsätzliche Orientierung

Beispiele und Exempel

Es gibt richtige Wurdinger und zugewanderte Wurdinger.

Der zugewanderte Wurdinger heißt Zuagroaster.

Ein Ausländer ist ein Ausländer. Er ist nicht eigentlich zugewandert, sondern eingewandert. Ein Ausländer kann kein Zuagroaster sein, sonst wäre er ein Einheimischer.

Der Einheimische stammt nämlich von uns ab.

Es gibt Ausländer, die Inländer geworden sind. Den zum Inländer gewordenen Ausländer erkennt man an der Sprache.

Ein so beschaffener Ausländer ist zwar Inländer, aber kein Einheimischer.

Es gibt ausländische Inländer der zweiten und dritten Generation.

Der ausländische Inländer der dritten Generation wird frühestens dann zum Einheimischen, wenn man ihn nicht mehr an der Sprache erkennt. Oder wenn er wird, wie wir schon sind.

Der ausländischen Inländer, der zum Einheimischen geworden ist, holt sich am Sonntag wie ein richtiger Wurdinger die Zeitung aus dem Selbstbedienungsständer.

Die Sprache macht den Unterschied. Es kommt immer darauf an, wie und was und wann und wo.

Beispielsweise ist ein Wiener, der zu uns kommt, naturgemäß ein Inländer.

Ein Wiener, der zu uns kommt und bleibt, ist er ein Zugereister, aber dennoch kein Einheimischer. Wegen der Sprache.

Der zu uns gekommene Wiener ist ein Zuagroaster, wohingegen der Ausländer das nicht sein kann. Weil Zuagroaster ein Dialektwort ist.

In seiner eigenen Sprache ist der Wiener im Falle des zu uns Kommens genaugenommen ein Zuagraster. Möglich ist, dass der Wiener bei uns erst dann ein richtiger Zuagroaster wird, wenn er sich selbst nicht mehr als Zuagrasten bezeichnet. Die Frage ist noch nicht genau geklärt.

Es gibt richtige Wurdinger und andere.

Der echte Wurdinger wurde in Wurding geboren. Er lebt auf einem Erbhof, seine Vorfahren wohnen seit Jahrhunderten in Wurding.

Alle anderen Wurdinger sind genau genommen keine echten, sondern zugezogene, zuagroaste oder ausländische Wurdinger.

Da gibt es zum Beispiel:

Den türkischen Wurdinger

Den serbischen Wurdinger

Den schwarzafrikanischen Wurdinger

Den tschechischen Wurdinger und so weiter,

aber auch den Linzer Wurdinger, gegebenenfalls, wie bereits genannt, den Wiener Wurdinger,

Den Freistädter, den Ottensheimer den Feldkirchner, den Rohrbacher, den Afiesler, den Desselbrunner Wurdinger und so fort.

Zusammenfassend gesagt gibt es den einheimischen, den inländischen und den ausländischen Wurdinger, den zugeroasten und den eingewanderten.

Es gibt zum Beispiel den echten einheimischen Wurdinger, den zwar einheimischen, aber zuagroasten Wurdinger, den ehemals ausländischen inländischen Wurdinger, sowie den zu hundert Prozent ausländischen Wurdinger.

Distinktion

Der Wurdinger zerfällt in einen männlichen und einen weiblichen Teil, in das Kind und  in das Haustier. Gegebenenfalls auch in das Rotwild, das im noch vorhandenen Waldgebiet den Baumverbiß vornimmt. Der Wurdinger Senior ist ein so genannter Bezirkssenior (siehe oben).

Historisches

Es kann sein, daß ein Wurdinger zufällig auch Wurdinger heißt. Das wäre ein schöner Zufall.

Der einzige Wurdinger, der mir bekannt ist, heißt Alfons Wurdinger und spielte in den Sechziger Jahren in der Nationalliga beim LASK. Das Telefonbuch von Wurding kennt keinen Wurdinger.

5

Als Kind wurde ich in unserem Dorf von älteren Menschen gefragt: Zu wem gehörst Du? Wenn ich dann meinen Namen und damit die Abstammung von mir gab (sechziger Jahre, folgsam grüßend, das Alter ehrend etc.), gaben sich die Alten zufrieden: Ich war berechenbar geworden. Den Namen meines Vaters, eines Zugereisten, aussprechend: Zugeordnet, eingeordnet, als Dasiger wieder erkannt, ließ man mich in Ruhe. Heimat qua Geburt. Die Familie als Zugehörigkeitsausweis.

Später hörte ich Schriftsteller auf die Frage nach ihrer Heimat häufig “In der Sprache” antworten.

Das war, als Schriftsteller noch als wichtige Menschen galten und in Fernsehinterviews bedeutungsschwere, von langem Nachdenken begleitete Sätze von sich gaben: Zur Lage der Nation vor allem, zur Lage der Welt, zu Vietnam, zur deutschen Teilung, zum Wesen des Menschen, zum Welthunger, zur globalen Ungerechtigkeit. Selbstbewusst, zum Behufe der Bedeutungssteigerung die Zigarette lässig zwischen den Fingern, oder die Pfeife im Mund.

Heute ist auch das Gegenteil chic: In der Sprache fühle ich mich fremd.

Um meinen vierzigsten Geburtstag herum (die so genannten besten Jahre stehen einem unmittelbar bevor, heißt es) das jähe Abhandenkommen nie vorhandener Klarheiten. Denken in Zirkelschlüssen, Dauerdialektik, Schwindelgefühle im Erlebnispark, Ohrensausen in der Geräuschhölle.

Rundherum in den Feuilletons: Die Auskenner am Werk, die Könner, die Ein- und Austeiler, Bescheidwisser, Erklärer, Empörer. (Ich fühle mich nicht zugehörig. Mir geht es wie den österreichischen Fußballern: Es geht mir zu schnell, mir wird zu schnell kombiniert, das Spiel läuft an mir vorbei.)

Trendgerecht in Designerklamotten bestellt die “Generation Golf” das Feld, definiert sich über Marken, Coca Cola, McDonalds, Calvin Klein, Lacoste, Palmers, weiß der Teufel. Das Weltbild heißt Windows, ich verfertige meine Gedanken unter Genehmigung dieses Betriebssystems.

Keiner fragt mehr: Zu wem gehörst Du?

Ich bin ein Zugereister, vielleicht bin ich ein Vogel. Vielleicht fliege ich. (Ich fliege). Der Fahrtwind bläst mir ins Gesicht, zaust mir das Haar. Ich reise nach nirgends, anzukommen wäre ein Missverständnis.

6

Zitate

“Wohin reitest du, Herr?”

“Ich weiß es nicht”, sagte ich, “nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen.”

“Du kennst also dein Ziel”, fragte er.

“Ja”, antwortete ich, “ich sagte es doch: ´Weg-von-hier`,  das ist mein Ziel.”

Franz Kafka

Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.

Ernst Bloch